Sahra Wagenknecht : Eine linke Gerade

Obwohl sie zierlich ist, sieht es oft aus, als throne sie. Viele Menschen finden sie kalt und zu streng. Dennoch wurde Sahra Wagenknecht zur Lichtgestalt der Linkspartei. Weil sie die Einzige ist, die für Großes taugt.

von und Marco Lauer[Stuttgart]
Sahra Wagenknecht Anfang Oktober in der Berliner Humboldt-Universität bei der Strategiekonferenz der Linken mit dem Namen „Kurs halten“.
Sahra Wagenknecht Anfang Oktober in der Berliner Humboldt-Universität bei der Strategiekonferenz der Linken mit dem Namen „Kurs...Foto: dapd

Wenn Parteien sich Programme geben, geht es um Worte, Formulierungen, es geht um viel Papier. Das ist mühsam. Die Linke hat es in den vergangenen eineinhalb Jahren zu spüren bekommen. Um die 40 Seiten halbwegs beschlussfähig zu kriegen, die einmal definieren sollen, was links ist, wurde an jedem Wort gefeilt. 1400 Änderungsanträge noch, dann ist das Grundsatzprogramm fertig. In Erfurt soll es am Wochenende verabschiedet werden. Aber dann muss es noch etwas anderes geben. Eine Person, die es verkörpert, die mehr daraus macht als ein Programm. Vielleicht ist es ein Glück der Linken, dass es sie schon gibt – Sahra Wagenknecht.

Leider ist die gerade jetzt nicht da, wo sie sein sollte. Angekündigt ist ihr Auftritt im Stuttgarter Gewerkschaftshaus. Der Große Saal ist gut gefüllt. Die örtlichen Parteigenossen sind froh, dass man doch Stuhlreihen aufgestellt hat und nicht lange Biertische, wie ursprünglich geplant. Nun passen rund 400 Menschen hinein. Und die warten gespannt. Doch Sahra Wagenknecht steckt in einem Tunnel fest.

Deshalb muss jetzt erst mal Michael Schlecht ans Pult. Er ist Vorredner des Stargastes und eine Art Volkswirt der Partei. Und er muss ein wenig länger reden als geplant. In kürzester Zeit ist er auf Betriebstemperatur, spricht über Casinokapitalismus, wo Zocker und Gauner außer Börse nichts im Kopf hätten, über die ungleiche Verteilung zwischen oben und unten. Bei der die Reichen und Superreichen das ganze Geld bekämen und es ins Casino brächten. „Etwas Sinnvolleres fällt ihnen nicht ein. Etwas, das wir mit dem Geld machen würden, wenn wir es hätten.“

Sahra Wagenknecht ist noch immer nicht da. Also redet Schlecht weiter, er ist jetzt so weit: „Hartz IV muss abgeschafft werden, das ist eine Demütigung.“ Ein Mann verlässt den Raum, kehrt mit einer Bockwurst zurück. Eine sehr dicke Frau steht auf und fragt unvermittelt, was denn eigentlich sei, wenn Hartz IV abgeschafft würde. Ob es dann gar nichts mehr gäbe stattdessen. Schlecht schaut sie an: „Hmm, das klären wir später in der Kellerschenke.“

Die Kellerschenke haben sich die Damen und Herren Linken in Stuttgart als informellen Abschluss ausgeguckt. Da werde man hernach gemeinsam hingehen und auf alle Fragen ausführliche Antworten finden, sagt Schenk.

Um ausführliche Antworten ging es im Frühjahr 2010 auch Oskar Lafontaine und Lothar Bisky mit ihrem ersten Entwurf des Grundsatzprogramms. Beide sind heute im Abseits. Bisky, der Europaabgeordnete, wird nicht einmal nach Erfurt reisen. Dort müsste er womöglich erleben, wie ausgerechnet Sahra Wagenknecht, die einstige Wortführerin der Kommunistischen Plattform, eines Sektiererzirkels der alten PDS, ausgerechnet eine Radikale also, die er wegen ihrer kalten Augen mal als „Njet-Maschine“ bezeichnet hatte, triumphiert.

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