Saudi-Arabien und Raif Badawi : Ein Land zwischen religiöser Strenge und Finanzkraft

Der Fall des Bloggers Raif Badawi wirft ein Schlaglicht auf Saudi-Arabien – ein Land, in dem die Menschenrechte im Namen des Wahabismus, der saudischen Staatsreligion, systematisch missachtet werden. Bislang reagiert der Westen eher zögerlich.

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Zwischen den Welten in Saudi-Arabien. Foto: Reuters
Zwischen den Welten in Saudi-Arabien.Foto: Reuters

Die radikale Auslegung des wahabitischen Islam in Saudi-Arabien wird zunehmend zum Problem für andere Länder. Denn der enge Verbündete des Westens gilt als größter islamischer Bildungsexporteur der Welt. Auch Muslime in Asien und in Europa sollen von der strengen Auslegung des Islam überzeugt werden. Bislang reagiert der Westen eher zögerlich.

Wie ist die Menschenrechtslage in Saudi-Arabien?

Meinungsfreiheit oder ein Versammlungsrecht existieren faktisch nicht, Regierungskritiker und Oppositionelle werden systematisch verfolgt. Der Blogger Raif Badawi ist dabei nur das aktuellste und aufrüttelndste Beispiel. Schwere körperliche Strafen sind üblich, jährlich werden Tausende mit Stockhieben gezüchtigt, Tendenz steigend. Die Amputation von Händen wird ebenfalls praktiziert. Hunderte Menschen sitzen in Todeszellen. Laut Amnesty International wurden im Jahr 2012 mindestens 79 Personen hingerichtet.

Diese drakonischen Strafen treffen zunehmend Regimekritiker und Saudis, die gegen die strengen religiösen Vorgaben der Sittenpolizei verstoßen. Darunter sind auch Frauen, die sich trotz Fahrverbots hinters Steuer setzen.

Was ist der Wahabismus?

Der Wahabismus gilt als Strömung des Salafismus und sieht sich als „einzig wahren Islam“. Er strebt eine rigide Ausübung der Religion nach dem Vorbild der frühislamischen Gefährten des Propheten Mohammed an. Der Wahabismus unterscheidet zwischen Gläubigen und Ungläubigen. Dabei werden auch nicht-wahabitische Muslime, also die deutliche Mehrheit der Muslime weltweit, als ungläubig betrachtet. Frauen gelten im Wahabismus als minderwertig, die Abkehr vom Islam wird mit dem Tod bestraft, wer sich einer Beleidigung des Propheten schuldig macht, wird ausgepeitscht.

Warum hat diese rigide Form des Islam so großen Einfluss auf den saudischen Staat?

Der Grundstein für das enge Bündnis zwischen dem Herrscherhaus und den wahhabitischen Religionsgelehrten wurde schon im 18. Jahrhundert gelegt. Der Rechtsgelehrte Muhammad Abdalwahhab gründete damals die wahabitische Schule des orthodoxen Islam. Die religiös-politische Ideologie legitimierte die Herrscher, im Gegenzeug erhielt die religiöse Elite ein politisches Mitspracherecht und dominierte Justiz, Erziehung und Religionsausübung.

Die konservativen Gelehrten konnten ihre starke Stellung, die in Arabien einzigartig ist, bis heute bewahren. Die Herrscherfamilie versucht zaghaft Reformen, will die Gelehrten aber nicht vollkommen entmachten. Der Wahabismus sei „zur perfekten Ideologie für den expandierenden saudi-arabischen Staat“ geworden, schreibt Guido Steinberg von der Stiftung Wissenschaft und Politik.

Welche Rolle spielt Saudi-Arabien bei der Verbreitung des Wahabismus?

Eine große. Nach Einschätzung deutscher Sicherheitsbehörden sind in Saudi-Arabien 200 teils staatlich finanzierte Einrichtungen damit betraut, weltweit neue Anhänger zu gewinnen. „Es geht darum, muslimische Gemeinschaften in westlichen Staaten zu beeinflussen und zur Auslegugung des Islam nach wahabitischem Vorbild zu bekehren“, sagt Benno Köpfer, Islamwissenschaftler beim baden-württembergischen Landesamt für Verfassungsschutz. In Deutschland werden unter anderem Schriften wie „Die Botschaft des Islam“, „Die Frauen im Schutz des Islam“ oder „Die Missverständnisse über Menschenrechte im Islam“ verbreitet.

Darin propagieren wahabitische Geistliche so genannte Hadd-Strafen wie Steinigung, Auspeitschungen oder das Abschneiden von Händen, die etwa bei Ehebruch, Diebstahl oder Alkoholkonsum verhängt werden sollen. Auch die Hinrichtung von Menschen, die sich vom Wahabismus abgewandt haben, wird gerechtfertigt. Bei der Verbreitung dieses archaischen Islam bedienen sich die Wahabisten verstärkt der sozialen Medien. Einer der populärsten Geistlichen ist Mohammed al Arifi – er hat mehr als zehn Millionen Follower auf Twitter. Der saudische Islamgelehrte predigte auch mehrfach in Berlin als Gast in der Al-Nur-Moschee in Neukölln.

Der baden-württembergische Verfassungsschützer Köpfer macht Saudi-Arabien vor diesem Hintergrund mitverantwortlich für die Radikalisierung von Muslimen hierzulande: „Der Salafismus in Deutschland wäre ohne den saudischen Einfluss nie so groß geworden.“

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