Politik : Schröder nicht in Mode

Österreichs Sozialdemokraten kommt gelegen, dass der Kanzler seine Wahlkampfhilfe abgesagt hat

Thomas Brey (dpa)

Wien. Die deutsche Bundesregierung ist in den letzten Tagen ins Zentrum des österreichischen Wahlkampfes gerückt. Auch am Sonntag hatte die Volkspartei (ÖVP) von Bundeskanzler Wolfgang Schüssel wieder ganzseitige Zeitungsanzeigen geschaltet, in denen die Politik der rot-grünen Regierung in Berlin als abschreckendes Beispiel für Österreich dargestellt wird. Selbst die österreichischen Sozialdemokraten (SPÖ) kanzelten zeitweise die Berliner Regierungspolitik ab. Bundeskanzler Gerhard Schröder hat deswegen seinen in dieser Woche geplanten Wahlkampfauftritt in Wien verärgert abgesagt.

In der SPÖ freue man sich über die Absage, heißt es inoffiziell in der Partei. Denn mit dem deutschen Nachbarn sei in Österreich zurzeit kein Staat zu machen. „Schröders Dünnhäutigkeit ist beachtlich“, schimpfte der SPÖ-Fraktionschef Josef Cap, zumal die höchste Steuerquote aller Zeiten und der Bruch der Wahlversprechen in Deutschland nicht übersehen werden könne.

In Zeitschriftenanzeigen legt die ÖVP nach. Wahlsieger Schröder wird in unvorteilhafter Nahaufnahme mit qualmender Zigarre abgebildet – dazu das Schröder-Zitat: „Ich bin ganz sicher, dass es uns unsere österreichischen Genossinnen und Genossen nachmachen werden.“ Und dann kommt die Negativaufzählung „Was Rot-Grün heißt, zeigt Deutschland“. Auf der Partei-Homepage kommt es noch heftiger. „Rot-Grün heißt: Österreich wird nach dem Muster Deutschland abgewirtschaftet“. Es folgt eine Liste der „gebrochenen Wahlversprechen“. Schließlich werden große Banken und internationale Investmenthäuser mit der Analyse zitiert, Berlin betreibe eine „altmodische sozialistische Wirtschaftspolitik“.

Doch nicht nur die beiden größten Parteien Österreichs haben sich auf die deutsche Regierung eingeschossen. Auch die Zeitungen – vom linken bis zum rechten Spektrum – lassen an der Bundesregierung kein gutes Haar. „In der Politik fällt der Vorhang über 50 Jahre deutsche Erfolgsgeschichte“, schrieb die „Kronenzeitung“ als größtes Blatt im Lande. „Depression macht sich breit. (…) Spaß haben dabei nur noch ,Hoppla-jetzt-komm-ich’-Wahlsieger“.

In Analysen sprechen die österreichischen Medien nur noch vom „kranken Riesen“ oder vom „Weltwirtschaftsproblem Deutschland“. „Die Politik der rot-grünen Regierung in Berlin kann nur mit den Begriffen Reformverweigerung, Pfusch und Wählerbetrug charakterisiert werden“, schrieb der eher linksrorientierte Journalist Hans Rauscher. Jetzt „muss sich Österreich von der Krisenwirtschaft des Nachbarn abkoppeln“. Und die liberale Zeitung „Der Standard“ schimpft über „die deutsche Krankheit“: Österreich müsse aufpassen, „dass wir nicht als Anhängsel Deutschlands mit in den Abgrund gezogen werden“. Thomas Brey (dpa)

Die Anzeigen der ÖVP im Internet:

www.oevp.at

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