Schule und Bildung : Dichten und denken in Zeiten von Pisa

Was die Parteien in ihren Wahlprogrammen zum Thema Bildung zu sagen haben.

Jan Drebes

Deutschland ist noch immer berühmt als das Land der Dichter und Denker. Schriftsteller, Philosophen, Naturwissenschaftler und Künstler befeuerten jahrhundertelang dieses alte Image. Aber hat Deutschland es noch verdient? Haben uns nicht die Pisa- und OECD-Studien der jüngsten Zeit etwas anderes gelehrt? Die Bundesrepublik hat ein Problem mit ihrem Bildungssystem und sucht nach den richtigen Stellschrauben, um den wichtigsten deutschen Rohstoff wieder effizienter und nachhaltiger zu fördern: Wissen.

Einig sind sich deshalb alle Parteien, die öffentlichen Bundesausgaben für Bildung erhöhen zu wollen und sich vor allem auf die frühkindliche Erziehung zu konzentrieren. Auch wenn ihnen nur Kompetenzen im Hochschulbereich geblieben sind und die Länder ansonsten die Fäden für Kleinkindbetreuung und grundlegende Schulbildung in den Händen halten. Zehn Prozent des Bruttoinlandproduktes wollen die fünf parlamentarischen Parteien spätestens bis 2015 dafür aufwenden. Sieben Prozent davon sollen für die Grundbildung entfallen, drei Prozent für Hochschulen.

Diskussionen um eine zu frühe Betreuung von Kleinkindern fern des Elternhauses sucht man in diesem Wahlkampf deshalb auch vergebens, weil mittlerweile Einigkeit darüber herrscht, dass Alleinerziehende und Ehepaare, bei denen beide Elternteile berufstätig sind, nicht früh genug entlastet werden können, durch eine Ganztagsbetreuung des Nachwuchses. Ab dem ersten, ab dem zweiten, spätestens aber ab dem dritten Lebensjahr soll jedem Kind ein Kita-Platz zur Verfügung stehen. Und weil damit wirklich jedes Kind gemeint ist, wollen SPD, Grüne und die Linkspartei nicht nur einen Rechtsanspruch auf frühkindliche Ganztagsbetreuung durchsetzen, sondern auch die Plätze kostenlos anbieten.

Doch was ist mit der Qualität der Angebote? Ist bei Gratisplätzen nicht programmiert, dass die Erzieherinnen und Erzieher vollends kapitulieren werden vor zu großen Gruppen, aufgrund von zu schlechter Bezahlung und unzureichender Ausbildung? Ja, sagen Union und FDP und sind deswegen gegen die kostenfreie Betreuung der ganz Kleinen. Sie setzen auf die private Vorsorge, auf die Vernunft und den Geldbeutel der Eltern und Großeltern, die dem Nachwuchs mit steuerlich begünstigtem  Bildungssparen  den Besuch einer guten Kita und später einer guten Schule ermöglichen sollen. In der Hoffnung, dass das alles ein sehr altes Image wieder befeuern wird.

WEITERES IM ÜBERBLICK:

CDU/CSU

AUSGABEN FÜR BILDUNG: Wie alle anderen Parteien, will zukünftig auch die Union zehn Prozent des Bruttoinlandsprodukts (Bip) für Grund- und Hochschulbildung ausgeben – finanziert durch Mittel aus Steueränderungen.

KLEINKINDER BETREUEN UND ERZIEHEN: Kleine Kinder müssen so schnell wie möglich fern des Elternhauses betreut und erzogen werden können, damit auch Alleinerziehende ihre Familie und Beruf unter einen Hut bekommen, meint die Union und macht sich stark für den Ausbau von Kita-Plätzen. Gratis sollen die aber nicht sein, denn das wäre unbezahlbar, wenn gleichzeitig die Qualität nicht leiden solle.

HOCHSCHULBILDUNG:
Die Unis sollen in Zukunft bei Forschung und Entwicklung enger mit der Wirtschaft zusammenarbeiten, Geisteswissenschaften brauchen ein „starkes Selbstbewusstsein“ und mehr junge Leute sollen sich für ein Studium entscheiden – trotz Studiengebühren.

SPD

AUSGABEN FÜR BILDUNG: Für Bildung sollen die zehn Prozent des Bruttoinlandsprodukts durch einen „Bildungssoli“ finanziert werden. Und den zwackt die SPD bei denen ab, denen es nicht weh tut: Ab einem Jahreseinkommen von 125 000 Euro für Ledige gehen zwei Prozent an den Staat, so ihre Rechnung.

KLEINKINDER BETREUEN UND ERZIEHEN: Alleinerziehende und berufstätige Eltern brauchen mehr Kita-Plätze, sagen die Sozialdemokraten. Mit dem Unterschied zur Union, dass sie kostenlos sein sollen.

KULTURFÖRDERUNG:
„Keine Studiengebühren“ fordert die SPD und will das Bafög ausbauen, um Studenten aus einkommensschwachen Familien das Studium zu ermöglichen. Dafür müsse es mehr Wettbewerb zwischen den Hochschulen geben.

FDP

AUSGABEN FÜR BILDUNG: Schneller als die anderen Parteien, schon ab 2010 und nicht erst ab 2015, wollen die Liberalen zehn Prozent des Bip für Bildung ausgeben.

KLEINKINDER BETREUEN UND ERZIEHEN:
Die FDP setzt auf private Vorsorge, um Kinder in kostenpflichtigen Kitas unterzubringen. „Bildungssparen“ nennt sie das und will Eltern und Großeltern dafür steuerlich entlasten.

HOCHSCHULBILDUNG:
Studiengebühren lehnt die FDP nicht ab, und will sie durch ein Stipendien- und Darlehensystem finanzierbar machen.

GRÜNE

AUSGABEN FÜR BILDUNG: Ähnlich wie die SPD möchten auch die Grünen die öffentlichen Mehrausgaben für Bildung durch einen „Solidaritätszuschlag“ finanzieren. Aber nicht mit einer Art Reichensteuer, sondern durch den bisherigen „Soli“, der ausgedient habe.

KLEINKINDER BETREUEN UND ERZIEHEN: Mehr Kita-Plätze, schon für Kinder ab dem zweiten Lebensjahr und keine Gebühren: So wollen es die Grünen. Sie gehen aber noch einen Schritt weiter und planen aus Kitas „Eltern-Kind-Zentren“ zu machen, „in denen alle für Kinder und ihre Eltern notwendigen Unterstützungsangebote unter einem Dach verfügbar sind.“

HOCHSCHULBILDUNG: 500.000 neue Studienplätze wollen die Grünen schaffen und teilweise aus einem Bund-Länder-Fonds bezahlen. Dabei sagen sie dem „Zulassungschaos“ den Kampf an und wollen die Vergabe von Studienplätzen bundeseinheitlich regeln. Gebühren während des Studiums lehnen sie ab.

LINKE


AUSGABEN FÜR BILDUNG:
Jährlich sollen zusätzlich 18 Milliarden Euro von Bund und Ländern für Bildung ausgegeben werden, fordert die Linke.

KLEINKINDER BETREUEN UND ERZIEHEN: Kostenlose Kita-Plätze für Kinder ab dem ersten Lebensjahr, fordert die Linke. Einen Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung für behinderte Kinder soll außerdem her.

HOCHSCHULBILDUNG:
Studiengebühren müssen abgeschafft und das Bafög unabhängig von den Eltern bezogen werden können, sagt die Linke.

UND WAS SAGT DIE APO?

BÜRGERRECHTSBEWEGUNG SOLIDARITÄT (BÜSO)

PATENTREZEPT: Die Büso behauptet auf ihren Wahlplakaten, „das Patentrezept“ zu haben. Im Bereich Bildung besteht das aus ein paar Sätzen zur Forschung und der Bedeutung des Humboldtschen Bildungswesens. Die Rückbesinnung auf „schöpferisches Denken“ der Schüler, auf die Förderung ihrer Talente und eines „schönen Charakters“ müssten die Hauptbestandteile des Bildungssystems sein. Auch im Bereich Forschung und Entwicklung bedürfe es einer Neuorientierung. Denn weil die Büso „im großen Stil“ zur Kernenergie zurückkehren will, wünscht sie sich mehr Forschung zur Kernfusion – und im Weltraum. Die Bevölkerung anderer Planeten ist Teil ihres „Patentrezepts“. Dann ist es ja auch nicht so schlimm, wenn es mit der Kernenergie nicht klappt.

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