Politik : Schulgeld macht kinderreiche Eltern arm - Trend geht zur Kleinfamilie

Christoph Link

Vergangenen Dienstag war Schulbeginn in Kenia und für manche Eltern ein Tag der Verzweiflung: Die Schulgebühren treiben sie in den Ruin. Der Bürobote Mwangi aus Nairobi hat sieben Kinder, drei davon im schulpflichtigen Alter. Um für sie die Schulgelder zu zahlen, hat er bei seinem Arbeitgeber einen Kredit von 40 000 Kenianischen Schilling aufgenommen. Das sind vier Monatslöhne und umgerechnet 1081 Mark. In acht Raten soll er den Kredit abstottern, sein Arbeitgeber wird acht Monate lang einfach die Hälfte seines Lohnes einbehalten: "Ich hoffe, dass wir im März eine gute Ernte haben", sagt Mwangi, dessen Frau und Kinder auf dem Lande leben. Dann brauche er kein Essen zu kaufen. Neben der Miete für eine Wellblechhütte sind die Schulgebühren für viele Familien der größte Ausgabeposten.

Die Putzfrau Mueni lebt im Lunga-Lunga-Slum von Nairobi. Sie hat einen arbeitslosen Ehemann und sechs Kinder im Alter von sieben bis 20 Jahren. "Das Leben ist einfach hart", sagt Mueni. Die zwei Ältesten hat sie schon zu den Großeltern aufs Land geschickt. Dass sie ihren 17-jährigen Timothy wegen Geldmangel von der Schule nehmen musste, ficht sie schwer an: "Er war zwar nur durchschnittlich, aber ohne Schulabschluss findet er keine Lehrstelle." 20 000 Schilling hätte die Oberschule im Jahr gekostet, doch Mueni, die mehrere Putzstellen hat, kommt auf höchstens 4000 Schilling im Monat. Die Ausgaben für Mais, Spinat und Bohnen seien nicht besonders hoch, sagt Mueni, man habe zu essen. Aber allein die Miete für drei Räume im Slum, Toilette und Wasser im Freien, verschlinge fast die Hälfte ihres Einkommens.

Zur Zeit ist ihre größte Sorge, wo sie 1800 Schilling Schulgebühr für ihre beiden Jüngsten auftreibt. Beide wurden jetzt eingeschult. Eins der Kinder nicht in die Schule zu schicken, käme Mueni nicht in den Sinn: "Ich liebe sie alle gleich."

Von den Verwandten auf dem Lande ist nichts zu erwarten. Ihr Mann kommt aus Loitoktok, einem kargen, trockenen Landstrich im Norden. Der Schwiegervater besitzt nicht genug Land, drei Brüder sind da und jeder wird nur einen schmalen Streifen erben.

Der Zusammenhang zwischen Kinderreichtum, dem Erbrecht der Realteilung und Armut ist in Kenia seit Jahrzehnten bekannt. Das ostafrikanische Land hatte Ende der 70er Jahre mit vier Prozent eine der höchsten Bevölkerungswachstumsraten der Welt. Mitte der achtziger Jahre sind auf Wunsch der kenianischen Regierung Programme zur Familienplanung aufgelegt worden, die jetzt zu greifen beginnen. So ist die durchschnittliche Kinderzahl pro Kenianerin von 6,7 im Jahr 1989 auf 4,7 im Jahr 1998 gefallen. Der holländische Arzt Henri von den Hombergh, Leiter des Projektes Familienplanung der Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ) in Kenia, führt dies auf den Einsatz von freiwilligen Beratern auf dem Lande zurück. In enger Kooperation mit dem kenianischen Gesundheitsministerium hatte die GTZ vor neun Jahren begonnen, Beraterinnen für Familienplanung in die Dörfer zu schicken. Ausgestattet mit einer blauen Tasche, die das ganze Spektrum von Verhütungsmitteln enthielt, sind die Beraterinnen von Hütte zu Hütte gegangen. Ingesamt 13 000 Freiwillige sind gewonnen worden und zwei Wochen lang geschult worden.

Van den Hombergh ist stolz auf den Erfolg des Programms: Ein Drittel aller Kenianerinnen benutze heute moderne Verhütungsmethoden, für Afrika eine gute Zahl. Doch die regionale Akzeptanz des Programms ist unterschiedlich. Im wohlhabenderen Zentralkenia geht der Trend zur Kleinfamilie, im Durchschnitt werden dort weniger als drei Kinder geboren. Im ärmeren Westkenia hingegen liege die Geburtenzahl bei fünf bis sechs. "Die Kindersterblichkeit ist dort hoch, viele Paare zeugen deshalb noch ein Kind extra", sagt der Arzt lakonisch. In den Norden und Nordosten des Landes, in die Turkana und nach Garissa, wagen sich die Beraterinnnen gar nicht, Banditen machen die Gegenden unsicher.

Verglichen mit anderen afrikanischen Ländern habe nur Simbabwe ein besseres und etwas anderes System der Familienplanung, erklärt van den Hombergh. Dort werden die Beraterinnen von halbstaatlichen Verbänden eingestellt. Sie erhalten ein festes Gehalt und Zielvorgaben. Die Kosten werden in Simbabwe aus dem nationalen Budget entnommen, während in Kenia ausländische Geberländer dafür aufkommen. Immerhin ist die kenianische Familienplanung derart renommiert, dass sowohl Tansania und Uganda als auch Sambia und Madagaskar Delegationen schickten, um das Prinzip zu studieren.

Aber das erfolgreiche Programm braucht eine Auffrischung. "Wir zielen auf die reiferen Frauen. Aber wir erreichen die Jugendlichen damit nicht", sagt van den Hombergh. Die ausgebildeten Beraterinnen seien zu alt, um mit 15- bis 19-Jährigen ins Gespräch zu kommen. Kein junger Mann werde sich an sie wenden, um bei ihnen mal nach Kondomen nachzufragen. "Da weiss doch gleich das ganze Dorf Bescheid, was der vorhat." Deshalb ist daran gedacht, eine neue Schicht von 19- bis 24-jährigen Moderatoren auszubilden, die die Beratung übernehmen. Wie zeitgemäße Information aussehen könnte, zeigt ein gut gemachter Musik-Video-Clip der Aids-Aufklärung, der im kenianischen Fernsehen täglich ausgestrahlt wird und eher an Coca-Cola-Reklame erinnert: Zwei Mädchen machen sich fein fürs Ausgehen und sprechen über den Abend, ihrem Freund, einem Hip-Hop-Sänger, schenke sie volles Vertrauen, sagt die eine, der nehme nämlich Kondome.

Etwas mehr Familienplanung hätte sich auch Mueni gewünscht. Weniger Kindern hätte sie eine bessere Bildung geben können. Doch ihr Mann habe jede Verhütung abgelehnt, sagt die 38-Jährige. Ohne sein Wissen sei sie in ein Gesundheitszentrum gegangen und habe sich die Pille besorgt. Nachdem sie die nicht vertrug, habe sie sich die Drei-Monats-Spritze zur Verhütung geben lassen. Auch dies sei hinter seinem Rücken geschehen. "Wenn ich eine bessere Arbeit finde, werde ich es für meine Kinder schon schaffen", sagt Mueni und klingt sehr entschlossen.

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