Politik : Serbien: Djindjic wirbt um Hilfe aus dem Westen

Jürgen Zurheide

Die Nachricht sorgte für manche Spekulation. Der Präsident der Bundesrepublik Jugoslawien, Vojislav Kostunica, hieß es am Morgen des zweiten Besuchstages plötzlich in der nordrhein-westfälischen Delegation, habe keine Zeit für Wolfgang Clement. Der Düsseldorfer Regierungschef sollte den jugoslawischen Präsidenten eigentlich mittags treffen, und Clement hatte die eine oder andere Frage, zum Beispiel zur Zukunft von Slobodan Milosevic Verweigerte Kostunica etwa das Gespräch mit dem Gast aus Deutschland, weil der sich am Abend zuvor so glänzend mit Serbiens Ministerpräsidenten Zoran Djindjic verstanden hatte?

Natürlich hatte sich herumgesprochen, dass Djindjic und Clement über den inhaftierten früheren Präsidenten geredet hatten - und ihnen klar war, dass die Amerikaner den wirtschaftliche Wiederaufbau des Landes so lange blockieren werden, bis Belgrad Milosevic endlich an das UN-Kriegsverbrechertribunal ausliefert. Laut Djindjic zögern die Amerikaner alle Verhandlungen über einen Erlass der rund zwölf Milliarden Dollar Auslandsschulden seines Landes im Pariser Club hinaus, solange Belgrad Milosevic nicht an die Haager Richter überstellt.

Im Kern sieht Kostunica die Sache ähnlich wie Djindjic, aber der Präsident würde gerne noch eine Weile in dieser Frage taktieren. Er setzt offenbar darauf, dass der Premier früher als er ungeduldig wird und ihm die Entscheidung abnimmt, die zumindest in den Kreisen der noch immer mächtigen Truppen hinter Milosevic für Unruhe sorgen wird. Kostunica, so analysieren viele in Belgrad die Lage, profitiere in jedem Fall: Wenn Djindjic nicht handelt, verschlechtert sich die wirtschaftliche Lage der Bevölkerung weiter und er verliert Ansehen; liefert er Milosevic aus, muss er die Rache der Altkader fürchten und sich vor der in dieser Frage noch immer gespaltenen Öffentlichkeit rechtfertigen.

Viel Zeit haben die heutigen Belgrader Machthaber freilich nicht mehr, die Frage zu beantworten. Zoran Djindjic füllt derweil selbst die Lücke im Besuchsprogramm Clements. Hoch oben über der Donau, auf der Belgrader Burg, blicken die beiden auf rostende Wracks, die schon lange nicht mehr bewegt worden sind. "Wir brauchen die Donau-Schifffahrt", erklärt Djindjic. Die durch Nato-Bomben zerstörten Brücken blockieren nach wie vor die Fahrrinne. "Das Schlimme ist", so hatte sich Balkan-Koordinator Bodo Hombach zuvor empört, "die Nato brauchte nur zwei Tage, um die Bombenentscheidung zu treffen. Jetzt streitet man schon zwei Jahre darüber, wer wo etwas wiederaufbaut." Zu den ungelösten Problemen zählen auch die vielen nicht explodierten Bomben, die heute das Freiräumen des Flusses zu einem hochgefährlichen Abenteuer werden lassen. "Wir schaffen das nicht ohne internationale Hilfe", gibt Zoran Djindjic Clement mit auf den Weg.

Dass das Land in einer schwierigen Lage ist, ist auch den zahlreichen Unternehmern klar geworden, die den Düsseldorfer Gast begleiteten. Die Kraftwerke des Landes müssten zum Beispiel für rund 50 Millionen Mark in den kommenden Monaten saniert werden, will man den kommenden Winter überstehen. "Wir würden das gerne machen, doch wir brauchen Bürgschaften aus Deutschland, weil wir nicht das ganze Risiko tragen können", erläutert Gerd Maichel, der Chef von RWE Power. Clement verspricht, schon bald nach seiner Rückkehr mit Kanzler Schröder darüber zu reden, ob man nicht ungebundene Finanzkredite im Rahmen des Stabilitätspaktes vergeben kann. Rein fachlich müsste das Entwicklungshilfeministerium seiner Parteifreundin Heidemarie Wieczorek-Zeul die Frage beantworten. Aber: "Hier geht es nicht um Entwicklungshilfe, sondern um die Zukunftsgestaltung Europas", sagt Clement. Sollten die Serben Milosevic bald an Den Haag ausliefern, wird er auch Gerhard Schröder davon überzeugen können.

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