Politik : Shaban aus Saarbrücken

JANA SIMON

TIRANA .Italien? Das haben sich Fejzulla und Shaban sonniger vorgestellt.Doch es kam anders.Wie vieles an diesem Tag.Draußen schlägt Regen an das Autofenster.Drinnen knallt die Hitze.Die beiden haben die Beine angezogen und rauchen.Nur harte Zirgaretten.Leichte Zigaretten seien was für Anfänger, sagen sie.

Seit drei Tagen sind Fejzulla und Shaban unterwegs.Mehr als tausend Kilometer sind sie gefahren von Mainz in den Süden, nach Bari.Jetzt sitzen sie am Hafen.Vom Autofenster aus beobachten sie, wie Hunderte ihrer Landsleute aus dem Kosovo versuchen, eine Fahrkarte für die Fähre um 23 Uhr nach Durres (Albanien) zu bekommen.Aus allen Teilen Deutschlands und der Schweiz sind Exil-Kosovaren angereist.Vor allem Männer sind gekommen, um ihre Familien zu suchen oder zu kämpfen.Auf der anderen Seite der Adria ist Krieg.

In Bari herrscht Chaos.Hunderte Männer in Lederjacken und Jeans drücken sich an die Scheiben der Reise-Agenturen.Rücksicht nimmt keiner.Die meisten haben die letzten Nächte nicht geschlafen und ewig nichts mehr gegessen.Ihre Stimmung ist auf dem Nullpunkt.Gegenüber im Auto haben sich Fejzulla und Shaban eine neue Zigarette angesteckt.Seitdem der Krieg ausgebrochen ist, haben sie sich kaum noch auf etwas anderes konzentrieren können als auf ihre Reise nach Albanien.Fejzulla hat gespart, um seine Frau auszulösen.Eigentlich wollte sie nur ihre Familie im Kosovo besuchen.Jetzt ist sie irgendwo hinter die Grenze in den Norden bei Kukes geflüchtet und wartet, daß ihr Mann die 500 Mark Miete für den albanischen Hausherrn bringt, bei dem sie kurzfristig untergekommen ist.

Auch Shaban hat Familie.Aber die bleibt zurück in Saarbrücken.Shaban ist 28 und will kämpfen.Wo und wie, das weiß er noch nicht.Er sieht aus, als würde er jeden Moment vor Anspannung hochgehen.Der 30 Jahre ältere Fejzulla muß ihn immer wieder besänftigen.Die beiden haben sich vor der Fahrt nach Bari nie gesehen.

Zwei Stunden später klebt Fejzullas rechte Wange an der Schalterscheibe.Er hat es fast geschafft, bis zu dem Italiener im Fahrkartenbüro vorzudringen.Fejzulla schreit.Der Italiener schreit zurück: Für heute geht nichts mehr und schon gar nicht mit Auto.Fejzulla weiß nicht weiter.Er müßte seinen Golf zurücklassen.Und das würden ihm nicht einmal die Italiener raten.Fejzulla steht vor der Wartehalle im Regen und haßt Italien.Er wird wohl am Hafen warten müssen, bis wieder ein Platz auf der Fähre frei ist.Bis dahin bleiben nur Zigaretten und Regen.Shaban hat mehr Glück.Die UCK hat in der Hafenbar eine Art mobiles Rekrutierungsbüro eingerichtet.Überall stehen Männer zwischen 18 und 30 Jahren.Der Qualm in der Luft treibt einem die Tränen in die Augen.Ein großer Dicker in Uniform und Barett macht Häkchen hinter die Namen der freiwilligen Guerillakrieger.Die meisten wurden in Deutschland eingesammelt und mit Bussen nach Bari gebracht.Auch Shaban hat sich am Hafen angemeldet und steht bei den anderen Freiwilligen.Mit der Presse möchte er nicht sprechen.Seine Überfahrt ist geregelt.

Wenige Meter neben ihm sitzt Valon und trinkt Kaffee.Er kommt aus der Nähe von Stuttgart.Nach jedem Satz blinzelt er und fragt: "Verschtescht?" Valon war schon überall auf der Welt - in Albanien noch nie.Er ist in Deutschland aufgewachsen und schimpft auf die Rußlanddeutschen, die die Diskotheken kontrollieren.Er ist 21 Jahre alt und will nur kurz nach Tirana, um seinen Verwandten Geld zu bringen.Danach will er so schnell wie möglich wieder weg."Isch schaffe doch", sagt er entschuldigend und meint damit, daß er arbeiten muß.In der Nähe von Stuttgart.Dabei wäre er genau im richtigen Alter für die Untergrundarmee.Aber es gibt verschiedene Arten des Kampfes.Valon hat sich für 2000 Mark Spendengeld freigekauft."Jedem, der mich dort anhält, kann ich das Papier zeigen", sagt er.

Seine Tischnachbarn werden plötzlich nervös.Sie rufen etwas auf albanisch.Außenstehende sollen so wenig wie möglich über die Praktiken der Untergrundorganisation erfahren.Valon schreit zurück und wiederholt seinen Nachnamen.Es wirkt.Die anderen verstummen.Mehr als alles andere zählt der Name des Clans, auch wenn man schon seit Jahren in Deutschland lebt.

Draußen ist es inzwischen dunkel.Es regnet immer noch.Die Fähre ist vollkommen überbucht.Einige der Hilfstransporter, die die Flüchtlingscamps beliefern sollten, werden nicht mehr aufs Boot kommen.Die Reise-Agentur macht das Geschäft ihres Lebens.Die Stimmung in der Hafenbar hat sich verändert in den letzten Stunden.Immer mehr Männer tragen jetzt Uniform mit UCK-Aufnäher am Arm.Es sieht aus wie in einem Militärlager.Der Seeweg ist der einzige, der noch offen ist nach Albanien.Normale Fluglinien gehen derzeit nicht nach Tirana - wegen der NATO-Lufteinsätze.

Gegen 23 Uhr stehen etwa 1000 Menschen vor der Laderampe der Fähre und versuchen, sich durch einen einzigen Eingang in das Schiffsinnere zu quetschen.Nur die Zähen haben eine Fahrkarte erkämpft.Dafür haben sie jegliche Geduld verloren.Die eine Hälfte drängelt vor und wird dann regelmäßig von der anderen beschimpft.Es wird gedroht, geschrien, einige Absperrgitter fallen um.Männer am Rande des Nervenzusammenbruchs.Im Schiffsbauch sitzt die albanische Paßkontrolle.Man läßt sich Zeit.Ein kleiner Mann mit der Gesichtsfarbe einer Erdbeere muß die Pässe einsammeln, stempeln und numerieren.Shaban steht ziemlich weit vorn, hat seine Jacke aufgeknöpft und starrt vor sich hin.Sein Nebenmann kratzt imaginären Dreck von der orangenen Bordwand.Ein BBC-Reporter versucht, die Menge davon zu überzeugen, daß er wichtig ist und deshalb vorgehen darf.Die Menge bäumt sich ein letztes Mal auf.Nach drei Stunden sind die meisten an Bord.Viele nehmen den direkten Weg in die Schiffsbar.Das ist das Reich von Giuseppe, dem Steward.Er muß die Flaschen öffnen.Das macht er seit Tagen.Ununterbrochen.Es ist nicht mehr zu unterscheiden, wer müder ist: die Besatzung oder die Passagiere.Sonst erlebe er so etwas nur in der Hochsaison im August, sagt Giuseppe.

Normalerweise fahren 300 Menschen mit dieser Fähre.Jetzt sind es viermal so viele.Um Giuseppe herum kauern, liegen und schlafen sie.Bierbüchsen laufen aus, Aschenbecher fallen um, Schokolade verschmiert den Boden.Es ist mitten in der Nacht.Schlaf wurde von den albanischen Bürokraten nicht einkalkuliert.Kaum an Bord, müssen sich alle Passagiere schon wieder anstellen, um ihre Pässe abzuholen.Ein einzelner Beamter sucht sie hinter einer winzigen Scheibe aus Hunderten von kleinen Kisten heraus.Seine Augenlider hängen auf Halbmast.Daß er wach ist, sieht man nur an seinen Händen, die in dem Dokumentenberg schaufeln.Ab und zu schreit ihn einer an, um ihn anzutreiben.Jeder in der Schlange bekommt ein Einreise- und ein Ausreisepapier.Diese Regelung stammt noch aus der Enver-Hodscha-Zeit, als man ganz genau wissen wollte, wer das Land betritt und verläßt.

Auf mehr als hundert Besucher im Jahr scheint man sich damals nicht eingerichtet zu haben.Die Kosovo-Albaner aus dem Exil reißen Witze über die langsamen, einheimischen Albaner.So etwas passiert in Deutschland nicht, rufen sie.Überlegenheitsgefühle.Die andere Seite der Adria kann ganz schön weit weg sein.Das Kosovo war immer reicher und offener als das arme Albanien.

An Bord nimmt die UCK zunehmend Gestalt an.Ein neuer Kommandant versammelt die Rekruten um sich.Die Bar befindet sich vollständig in ihrer Hand.Die meisten von ihnen waren noch nie in Albanien.Was sie erwartet, wissen sie nicht.Die italienische Besatzung wundert sich schon längst nicht mehr über die offene Rekrutierung der UCK auf ihrem Schiff.Marco, der Oberaufseher, war schon im Libanon.Militärs können seine Ruhe nicht mehr stören.Seit drei Tagen hat er nicht mehr geschlafen.Alle zwei Monate bekommt er einen Monat Urlaub."Dann gehe ich in eine Nervenklinik", sagt er und lacht.Ein paar Elektroschocks wären gut, um das hier alles zu vergessen, witzelt er.Es scheint, als wäre es nur noch eine Frage der Zeit, bis die Fähre wegen Überfüllung oder Übermüdung der Besatzung untergeht.

Am nächsten Morgen handelt der UCK-Kommandant mit Marco einen schnellen Auszug seiner Truppe von Bord aus.Sie wollen sich draußen am Kai formieren.Marco grinst und imitiert den CNN-Nachrichtensprecher, der am Hafen mit der Kamera wartet.Er wirft den Kopf nach hinten und spricht in seine rechte Faust, als sei sie ein Mikrophon."Hi, this is Joe from CCN", sagt er zu seiner Hand.Direkt vor ihm verläßt die UCK unter lautem Beifall der Menge das Schiff.Es sind ungefähr 200, die mit Autos direkt vom Hafen abgeholt werden.Mit Jogginghose und Turnschuhen steigt Shaban in einen der Wagen ein.Willkommen in Albanien.Bald sind sie im Camp.

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