Politik : Sicherer Hafen für Gift aller Art

Syriens C-Waffen sollen ins italienische Gioia Tauro Der Bürgermeister der Stadt am Meer will das nicht.

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Rom - „So treibt man eine Gegend in den Bürgerkrieg“ – für seinen Protest wählt der Gouverneur der Region Kalabrien, Giuseppe Scopelliti, starke Worte. Mit ihm rebellieren die anderen Bewohner der italienischen Stiefelspitze. Im Februar sollen in „ihrem“ Hafen, in Gioia Tauro, etwa 560 Tonnen syrischer Chemiewaffen ankommen. Sie bleiben nicht da, verspricht die italienische Regierung; Sie werden dort nur umgepackt auf das US-Spezialschiff „Cape Ray“, das das Teufelszeug aus den Beständen des Assad-Regimes auf hoher See unschädlich machen soll. Das Umladen der 60 Container soll maximal 48 Stunden dauern, versichert die Regierung. Die Operation diene als „größte Abrüstung chemischer Kampfstoffe seit zehn Jahren“ dem Weltfrieden, sagt Außenministerin Emma Bonino in Rom.

Gioia Tauro ist der größte Umschlagplatz für Container im Mittelmeer, und trotz der starken mediterranen Konkurrenz versteht er auch noch zuzulegen. 3,1 Millionen Standard-Container haben dort im vergangenen Jahr Schiff und Richtung gewechselt. Die etwa 2800 Arbeiter sind totzdem nicht ausgelastet: Knapp die Hälfte befindet sich derzeit in Kurzarbeit, rotierend, damit nicht immer dieselben belastet werden. „Wir haben Gioia Tauro der internationalen Gemeinschaft wegen seiner exzellenten Qualitäten angeboten“, sagt Infrastrukturminister Maurizio Lupi. „Außerdem haben sie dort viel Erfahrung mit Gefahr- und Giftstoffen dieser Kategorie. Allein 2013 hat Gioia Tauro 30 000 Tonnen umgeladen.“

Damit hat Lupi sich womöglich verplappert, denn der Bürgermeister von Gioia Tauro, Renato Bellofiore, behauptet, von dem Gift wisse man rein gar nichts. Allerdings gibt es viele Sachen, von denen sie dort – zwischen ihren weiten Oliven- und Orangenhainen, aber ohne jede sonstige Wirtschaft – angeblich nichts wissen: Gioia Tauro, Mitte der 90er Jahre als eine Art Groß-Entwicklungsprojekt für den Mezzogiorno eingeweiht, aber ohne Anbindung ans Hinterland, genießt den zweifelhaften Ruf, „bis in die feinsten Verästelungen von der Mafia durchdrungen“ zu sein. So schreibt es der entsprechende Parlamentsausschuss. Staatsanwälte und Dutzende Verurteilter könnten jede Menge erzählen über das Rauschgift, Kokain vor allem, das die kalabrische ‘Ndrangheta über Gioia Tauro aus Kolumbien einführt und womöglich direkt bezahlt mit der „Steuer“ von mindestens einem Euro, den sie pro Container erhebt. Sprengstoff kommt auch gelegentlich vorbei. Die letzte beschlagnahmte Großladung unklarer Herkunft und unklaren Ziels 2010 war als „Milchpulver“ deklariert.

Für Montag planen 33 Gemeinden eine Demonstration gegen die Chemiewaffen. Doch die Gewerkschaften denken an die Arbeitsplätze und sagen: „Wenn alles unter regulären Sicherheitsvorkehrungen abläuft, sollten wir uns gegen den Auftrag nicht wehren.“ Paul Kreiner

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