Politik : „Sie haben kein Unrechtsbewusstsein“

Eine französische Haftrichterin über die Unruhestifter, ihre Motive und die Reaktion der Justiz

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Sie hatten in den vergangenen Tagen über Unruhestifter in der Pariser Vorstadt zu entscheiden. Wer waren die Beschuldigten?

Junge Erwachsene, die zuvor in der Regel nicht auffällig geworden waren. Einer ging noch zur Schule, ein anderer arbeitete in einem Supermarkt. Sie wohnen noch bei Papa und Mama.

Wir wirkten die Beschuldigten auf Sie?

Sie hatten kein wirkliches Unrechtsbewusstsein. Als ich nach ihren Motiven fragte, sagten sie: Wir wollten doch nur das machen, was alle machen. Für sie ist es eine Art Spiel, das durch die Gefahr umso spannender wird. Mir ist nach diesen Verhandlungen klar geworden, dass diese Jugendlichen überhaupt nicht gelernt haben, dass man nicht immer seinen Willen bekommt. Einer von ihnen sagte zu mir, er wolle nicht in das Gefängnis, das vorgesehen war, sondern in ein anderes. Er schien zu glauben, dass es um einen Aufenthalt in einem Ferienclub geht.

Worin sehen Sie die Ursachen?

Die Eltern haben versagt, die Schule, die Integrationspolitik. Als Familienrichterin hatte ich früher auch über Anträge auf Namensänderung zu entscheiden. Es gab einige junge Erwachsene, die ihre maghrebinisch klingenden Namen wie „Abdel“ oder „Aicha“ ablegen wollten, weil sie glaubten –, wahrscheinlich zu Recht – dass sie ansonsten bei einer Bewerbung schlechtere Chancen haben würden.

Urteilen Sie unter den gegebenen Umständen besonders streng?

Ich habe niemanden freigelassen. Unter anderen Umständen hätte man den einen oder anderen vielleicht nicht in Verwahrung genommen, aber wir können uns jetzt keine Laxheit leisten. Alle Beschuldigten müssen in Untersuchungshaft auf ihr Verfahren warten, das innerhalb von drei Tagen stattfindet. Erst dann wird über die eigentliche Strafe entschieden.

Die Regierung hat eine rasche Aburteilung der Täter angekündigt – die ersten Prozesse sind schon beendet. Doch Menschenrechtsorganisationen warnen vor den Schnellverfahren …

Es gibt kein gesondertes Verfahren, auch wenn das sowohl von der Regierung als auch von ihren Kritikern so dargestellt wird. Wenn der Sachverhalt klar ist und keine weitere Untersuchung erforderlich ist, sind Schnellverfahren absolut üblich.

Es wird darüber spekuliert, wer die Krawalle im Hintergrund organisieren oder anheizen könnte: Islamisten, die extreme Rechte. Haben Sie den Eindruck, dass die Attacken organisiert sind?

In den Fällen, in denen ich zu urteilen hatte, gab es offensichtlich niemanden, der diese Täter angeleitet hätte. Es waren kleine Grüppchen zwischen zwei und fünf Personen: Freunde, die Krieg spielten. In der Realität ist das aufregender als am Computer. Ob es auch Fälle gibt, in denen eine Organisation dahinter steht, werden weitere Ermittlungen zeigen.

Das Gespräch führte Tanja Stelzer.

Brigitte Schwoerer , 62, ist Haftrichterin und Vizepräsidentin des Tribunal de Grand Instance im Pariser Vorort Nanterre.

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