Politik : „Sieg des Guten über das Böse“

KZ-Überlebende und der Kanzler erinnern im Deutschen Theater in Berlin an den Holocaust

Tissy Bruns

Berlin - Der berühmte Intendant des Deutschen Theaters, Max Reinhardt, wurde 1933 in die Emigration gezwungen. Wolfgang Langhoff, der das Haus 1946 übernahm, hat im KZ Börgermoor das Moorsoldatenlied verfasst. Er hat später gefragt: „Was war Börgermoor im Vergleich zu den Schrecken von Auschwitz?“

Im Deutschen Theater in Berlin hat am Dienstag das Internationale Auschwitz-Komitee der Schrecken gedacht. Auf der Bühne zwei Bilder: Das eine zeigt den mittleren Gang im Lager Auschwitz-Birkenau. Auf diesem Weg sind die ungarischen Juden in die Gaskammern gegangen. Der Vorsitzende des Jüdischen Weltkongresses, Israel Singer, wendet sich diesem Bild zu und beginnt seine Rede in der jiddischen Sprache seiner 113 Familienangehörigen, die in Auschwitz starben. Das zweite Bild zeigt eine Gruppe von Auschwitz-Überlebenden im Sommer 1945. Zwei von ihnen, Maria und Adam König aus Berlin, nehmen an der Gedenkveranstaltung teil.

Der 90-jährige Ehrenpräsident des Komitees, Kurt Goldstein, wurde im Januar 1945 mit 3000 anderen Häftlingen auf den Todesmarsch geschickt; weniger als 500 erreichten das KZ Buchenwald. Goldstein zählt mit fester Stimme auf, was die Rote Armee in Auschwitz vorfand. Knapp 8000 Überlebende, Berge von Leichen, 7000 Kilo Frauenhaar, unzählige Brillen, Schuhe, Kinderkleider … Dann bricht seine Stimme: „In Gedanken sind wir in diesen Tagen bei den Kindern, Frauen und Männern … Die Nazis wollten, dass sie vergessen werden. Wir haben die Pflicht, das zu verhindern.“ Noah Flug begann seinen Weg durch Getto und KZ als Kind. Der Präsident des Auschwitz-Komitees begrüßt die deutschen Spitzenpolitiker, die Botschafter, die Überlebenden im Saal und „alle, die alles tun, dass auf Ewigkeit ein Auschwitz nicht wieder vorkommt“. Dass der deutsche Bundeskanzler Schröder und Israel Singer an dieser Veranstaltung teilnehmen, „das symbolisiert den Sieg des Guten über das Böse, den Sieg des Lebens und der Normalität über den Tod und den Verlust des Verstandes“. Die Einladung sei nicht selbstverständlich, auch heute noch nicht, sagt der Bundeskanzler. „Ich bekunde meine Scham angesichts der Ermordeten – und vor Ihnen, die Sie die Hölle der Konzentrationslager überlebt haben.“ Die Namen der Vernichtungslager seien mit der europäischen und deutschen Geschichte für immer verbunden. „Das wissen wir. Wir tragen diese Bürde in Trauer, aber auch in ernster Verantwortung.“ Es sei nicht zu leugnen, dass es noch immer Antisemitismus gebe. Für die Feinde von Demokratie und Toleranz dürfe es in der wehrhaften Demokratie keine Toleranz geben. Die Verlockung des Verdrängens und Vergessens sei groß. „Doch wir werden ihr nicht erliegen.“ Die überwältigende Mehrheit der heute lebenden Deutschen trage keine Schuld. „Aber sie trägt eine besondere Verantwortung.“

Er teile Schröders Haltung zu Schuld und Verantwortung, sagt Singer. Drängend warnt er vor dem Vergessen, die Erinnerung dürfe kein jüdisches Getto werden. Der letzte Redner, ein 21-jähriger Pole, sagt über seine Geburtstadt: „Oswiecim, Auschwitz, das ist ein negatives Spiegelbild für ein besseres Morgen.“

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