Sigmar Gabriel : "Sprachrohr für erneuerbare Energien"

Bundesumweltminister Sigmar Gabriel (SPD) über die Gründung einer neuen Weltagentur für erneuerbare Energien.

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Bundesumweltminister Sigmar Gabriel will Deutschland wetterfest machen. -Foto: dpa

Diese Woche soll eine Weltagentur für erneuerbare Energien (Irena) gegründet werden. Herr Gabriel, was ist der Zweck dieser Agentur?



Irena soll praktische Hilfe bei der Einführung erneuerbarer Energien sowohl in Industrienationen als auch in Entwicklungsländern leisten. 60 Prozent der Delegationen, die an der Konferenz in Bonn teilnehmen, kommen aus Entwicklungsländern, denen es oft auch an Know-how fehlt. Es geht aber auch um einen politischen Push für erneuerbare Energien. Weltweit werden mehr als 240 Milliarden US-Dollar Subventionen für fossile Energieträger – Öl-, Gas-, Kohle- und Atomindustrie – ausgegeben, und nur 20 Milliarden für die Unterstützung erneuerbarer Energien. Untersuchungen haben gezeigt, dass die erneuerbaren Energien in den bestehenden internationalen Institutionen, etwa der Internationalen Energieagentur (IEA), fast keinen Rückhalt finden. Irena wird mit mehr als 100 Experten und mit einem Budget von rund 25 Millionen Dollar deutlich mehr Ressourcen auf den Ausbau der erneuerbaren Energien konzentrieren als bestehende Organisationen.

Welche Rolle könnte Irena in einem Klimaabkommen spielen, das Ende des Jahres in Kopenhagen ausgehandelt werden soll?

Irena soll uns helfen, erneuerbare Energien schneller auf die Märkte zu bringen. Der Marktanteil der erneuerbaren Energien ist gegenwärtig noch relativ gering, das vorhandene Potenzial aber enorm. Diese Lücke so schnell wie möglich zu schließen, dazu soll die neue Agentur beitragen. Vor allem für die Schwellenländer stellt sich die Frage: Wie bewältigen wir die schnelle Industrialisierung mit dem wachsenden Energiebedarf und können gleichzeitig das Klima schützen? Die Antwort muss lauten: mit Energieeffizienz und erneuerbaren Energien. Wenn die herkömmlichen Energieinstitute gefragt werden, was zu tun ist, um die Welt mit Energie zu versorgen, dann antwortet etwa die IEA, es sollten 1400 neue Atomkraftwerke gebaut werden. Das käme einem energiepolitischen Amoklauf gleich. Es gibt einen starken Lobbyismus für die Atom – sowie die Öl- und Gasindustrie. Konkurrenz wird da eher bekämpft. Irena, die als Sprachrohr für die erneuerbaren Energien wirken wird, ist unsere Antwort darauf.

Wie kann Irena denn Entwicklungsländern bei der Einführung von erneuerbaren Energien helfen?

Wie hat in Deutschland die Debatte über die Windenergie angefangen? Mit Windkarten. Eine solche Infrastruktur gibt es in den meisten Entwicklungsländern nicht. Genau diese Rahmendaten müssen aber erhoben werden, damit erneuerbare Energien erfolgreich eingeführt werden können. Indien hat sich das Ziel gesetzt, dass bis 2020 jeder Haushalt einen Stromanschluss haben soll. Mit einer zentralen Energieversorgung ist das nicht möglich. Deshalb will Indien verstärkt Solarenergie einsetzen, die Regierung sucht aber noch nach Wegen dafür. In solchen Fälle kann Irena eine wichtige Mittlerfunktion übernehmen. Irena soll unabhängig beraten und ein Gegengewicht bilden zu dem Beratungsangebot, das es bisher gibt. Wie kann man beispielsweise einem Land wie Jordanien raten, für seine Energieversorgung ein Atomkraftwerk zu bauen, wo die Bauern schon nicht genug Wasser haben, um ihre Felder zu bewirtschaften. Da muss man sich fragen, wessen Interessen da bedient werden.

Gehört denn Frankreich, das im gesamten Nahen Osten Atomkraftwerke verkauft, auch zu den Gründungsstaaten von Irena?

Frankreich hat zusammen mit Deutschland im letzten Jahr den Solarplan für Nordafrika und den Nahen Osten entwickelt. Damit gibt es eine konkrete Perspektive zum Ausbau solarthermischer Stromerzeugung im Sonnengürtel südlich des Mittelmeers und Export des Stroms nach Europa. Deshalb gibt es auch ein großes französisches Interesse an Irena.

Irena soll auch kein verlängerter Arm der deutschen Exportinitiative für erneuerbare Energien werden, oder?

Nein, natürlich nicht. Die Idee ist ja auch schon älter, geht auf Anfang der 90er Jahre zurück. SPD und Union haben im Koalitionsvertrag festgelegt, die Gründung von Irena zu initiieren. Ich freue mich, dass wir es in dieser Legislaturperiode geschafft haben, die Agentur auch zu gründen. Nur deutsche Exportinteressen würden bestimmt nicht ausreichen, damit 100 Regierungsdelegationen aus aller Welt nach Bonn anreisen.

Auf Einladung von Deutschland kommen an diesem Montag und Dienstag in Bonn etwa 100 Delegationen aus aller Welt zusammen, um eine Weltagentur für erneuerbare Energien (Irena) zu gründen.

Das Interview mit dem Bundesumweltminister Sigmar Gabriel (SPD) führte Dagmar Dehmer.

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