Politik : So viel zur Angst

Von Stephanie Nannen

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Das Wort Vertrauen sollte zum Unwort des Jahres werden. In ihm zeigt sich die Zerrissenheit des Landes: Es wird nur negativ verwandt, wenn also kein Vertrauen da ist. Da ist auf der einen Seite die Regierung, die um Vertrauen bettelt – einmal noch –, damit sie die notwendigen Veränderungen des Systems vornehmen kann. Auf der anderen Seite sprechen die Bürger davon, dass sie – immerhin 73 Prozent, wie die jüngste Umfrage besagt – der Politik nicht mehr richtig vertrauen können und wollen. Das Dilemma hat die Politik geschaffen, weil sie mehrdeutige Botschaften vermittelt.

Die rotgrüne Koalition ist angetreten mit dem Versprechen, sozial gerecht zu sein, dafür bürgte die SPD. Für Gerechtigkeit, nämlich die zwischen den Generationen, wollte sie sorgen, als sie große Reformen beschloss – damit die Jungen nicht am Ende büßen müssten. Die Folge ist, dass nun 77 Prozent der Rentner misstrauisch sind und beinahe die Hälfte aller Schüler und Studenten dazu. Wie kommt das? Warum fürchten sich alle Generationen?

Da gibt es die einen, die Alten, die sich und anderen nach der Not des Weltkrieges schworen, nie wieder Angst haben zu wollen. Sie kennen die Furcht und befürchten vielleicht gerade deshalb das Schlimmste. Die einen, weil sie durch den Informationsdschungel auf dem Weg zu den Reformen nicht mehr blicken können. Die anderen, weil sie sich in einem Leben wähnten, das mit einer „sicheren“ Rente enden sollte, und sich nun zwischen Einschränkungen im Gesundheitswesen und der Besteuerung von Alterseinkünften wiederfinden. Verständlich, auch wenn die Wirklichkeit für sie nicht bedeutet, dass sie länger arbeiten, keine Anstellung finden oder von weniger Arbeitslosengeld leben müssen.

Von den Mittelalten, den Ende-40- bis 60-Jährigen, stammt eigentlich die ganze Angst, obwohl sie als Erste nach dem Krieg keine mehr zu haben brauchten. Sie sind die, die regieren, die in höchst verantwortlichen Positionen oder Lebensumständen sind, und sie spüren die Bürde, für Sicherheit zu sorgen. Sie sind die, die am Zug sind. Und sie sind diejenigen, die später nicht für all die Kosten und Fehler aufkommen wollen, die sie selbst gemacht oder geerbt haben. Sie sind die Fischers, die Schröders und die Trittins.

Ihre Generationsbrüder und -schwestern haben aber auch Angst. Schließlich teilen sie ein kollektives Gedächtnis. Nicht mehr gefragt zu sein, ängstigt sie, und, dass sie schlechter in den Beruf zurückkommen, scheint doch die Welt jung, frisch und dynamisch zu sein. Das ist verständlich. Und doch sind sie diejenigen, die die besten, weil ältesten Arbeitsverträge haben – auf Flexibilität und Mobilität sind erst die Jüngeren trainiert. Und für die schließt doch heute kein Unternehmen mehr solche Verträge ab.

Die Anfang-30- bis Mitte-40-Jährigen kannten bisher keine Furcht. Sie konnten sich bilden, aufwachsen, lernen, mutig zu sein – ohne Angst. Und man hatte ihnen versprochen, dass es immer so weitergehen würde. Nun sind sie die Ersten, die von den einschneidenden Veränderungen schmerzlich betroffen sein werden. Gerade weil die „amtierende“ Generation sie haftbar macht. Das überrascht. Verständlich, haben sie doch Kinder, die noch nicht aus dem Gröbsten raus sind und schon ihres Sparbuches beraubt werden. Für niemanden ist eingängig, warum er einerseits selbst für das Alter vorsorgen sollte, während in der wirklichen Wirklichkeit für das Sparen gilt: Spare dir die Zeit, die Not hast du sowieso. Aber auch für diese Generation gilt noch etwas anderes: Sie kann alles dafür tun, dass es besser wird. Sie steht in den Startlöchern, die Initiative zu ergreifen, auch in der Politik. Und sie kann dafür sorgen, dass gute Neuerungen kommen – umfassend, durchgerechnet und durchdacht.

Die größte Angst vor Hartz IV haben die Jüngsten, die Unter-30-Jährigen. Auch das ist verständlich. Wer gibt ihnen die Jobs? Sollen sie studieren oder kellnern? Wer zahlt die Studiengebühren, und wie soll es werden, wenn schon all die Angst haben, denen sie vertrauen? Nun versetzt nicht Angst die Berge. Sondern der Mut, aus Unwägbarkeiten eine Chance zu machen.

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