Politik : Sonntags Schäuble: Halt mal den Atem an

Wolfgang Schäuble ist Präsidiumsmitglied

Rechnerisch beginnt das Millennium erst am 1. 1. 2001. Aber gefeiert haben wir schon. Ob der Grund ist, dass sich die Magie der runden Jahreszahl gegen die schnöde Algebra durchsetzt? Oder einfach der, dass es uns schwer fällt zu warten? Schon wieder ist ein Jahr vorüber - und dann wundert man sich bei vielen Erinnerungen, dass das noch nicht einmal ein Jahr her sein soll. Dieser Widerspruch drückt die Relativität unserer Zeiterfahrung aus. Und widersprüchlich ist nicht nur unsere Wahrnehmung von Zeit.

Kaum jemand bestreitet ernsthaft, dass jedenfalls die äußeren Möglichkeiten für Lebenserfüllung für keine Generation vor uns vergleichbar günstig waren. Dennoch nehmen eher Angst und Sorgen als Zufriedenheit und Dankbarkeit zu. Mit BSE hat Zukunftsangst jetzt wieder einen neuen Namen. Die gegensätzlichen Wahrnehmungen heben sich nicht gegenseitig auf. Sie müssen ausgehalten werden. Der Seiltänzer hat eine Balancestange, mit der er die Abgründe links und rechts ausloten kann und gerade daraus Gleichgewicht gewinnt. Darum geht es.

"A bout de souffle¿", außer Atem - im Fernsehen war kürzlich wieder einmal der Film zu sehen, mit dem Jean Luc Godard dem Lebensgefühl einer Generation Ausdruck verlieh. Aber Atemlosigkeit darf nicht zum Dauerzustand werden. Welche Gefahren darin liegen können, hat sich nach den Anschlägen von Solingen und Düsseldorf ebenso gezeigt wie in Sebnitz oder bei der amerikanischen Präsidentenwahl.

Atemlosigkeit kann auch zum Verlust der Realität führen. "Der Schnelle frisst den Langsamen", heißt das Gesetz in der New Economy, aber zur Zeit sieht der Neue Markt ganz schön alt aus. Nicht, dass wir am Ende alle gefressen werden. In der Silvesternacht beginnt von einer Sekunde auf die andere ein neues Jahr. Durch die Nanotechnologie wissen wir, welch unendlicher Reichtum schon in der kleinsten Einheit liegt.

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