Sozialismus verdirbt den Charakter : Ostdeutsche Mogeleien

Eine Studie zeigt: Ostdeutsche schummeln doppelt so oft wie Westdeutsche, und je länger Menschen im Sozialismus gelebt haben, desto stärker schummeln sie. Aber es gibt auch gute Nachrichten über die deutsch-deutschen Befindlichkeiten. Ein Kommentar.

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Glück im Spiel, Pech in der Studie. Auch kleine Zahlen wollen gewürfelt werden.
Glück im Spiel, Pech in der Studie. Auch kleine Zahlen wollen gewürfelt werden.Foto: dpa

Kapitalismus und Moral? Das passt ja gar nicht zusammen. Schnell hagelt es Begriffe wie Egoisten, Immobilienhaie, Steuerbetrüger, Ausbeuter, Heuschrecken. Schließlich wusste schon Karl Marx, dass sich aus den historisch-geografischen Produktionsverhältnissen auch Machtverhältnisse entwickeln, aus denen wiederum die Welt der Ideen, Moral und Religion erwächst. Nach dem Motto: Zeige mir deine Werte, und ich sage dir, aus welchem politischen System du kommst.

Hat der real existierende Sozialismus also die besseren Menschen hervorgebracht? Nein, ganz und gar nicht. Laut einer Studie der Volkswirtschaftlichen Fakultät der Ludwig-Maximilians-Universität in München, die am 19. Juni 2014 veröffentlicht wurde und über die bereits die „Süddeutsche Zeitung“ und der „Economist“ berichtet haben, schummeln Ostdeutsche doppelt so oft wie Westdeutsche, und je länger die Ostdeutschen in der DDR gelebt haben, desto größer ist ihr Hang zur Mogelei.

Es gab kein Risiko, erwischt zu werden

Die Versuchsanordnung war einfach. Das Forscherteam um Dan Ariely, Ximena Garcia-Rada und Heather Mann von der Duke University in den USA sowie Lars Hornuf von der Rechtswissenschaftlichen Fakultät in München hatte vom 2. bis 6. Dezember 2013 neun Berliner Bürgerämter besucht und dort wartende 259 Berliner aus Ost und West jeweils 40-mal würfeln lassen. Vor jedem Wurf sollten sich die Spieler entscheiden, ob die nach unten oder die nach oben liegende Seite zählt (Drei oder Vier, Zwei oder Fünf, Eins oder Sechs). Je höher am Ende die Gesamtpunktzahl, desto größer der Gewinn.

Allerdings brauchten die Spieler ihre Entscheidung, welche Seite zählen soll, vor dem Wurf niemandem mitzuteilen, sondern mussten das erst hinterher tun. Sie konnten also mogeln ohne Risiko, erwischt zu werden. Wer etwa eine Eins würfelte, konnte behaupten, sich vorher für die unten liegende Seite, in diesem Fall also eine Sechs, entschieden zu haben. Hätten alle ehrlich gespielt, müssten sie im Durchschnitt der vierzig Würfe jeweils 3,5 Augen gesammelt haben.

Ossis spenden mehr als Wessis

Wie sich herausstellte, hatten alle geschummelt – die Ostdeutschen aber doppelt so oft wie die Westdeutschen. Außerdem war die Tendenz zum Schummeln gestiegen, je länger ein Spieler in der DDR gelebt hatte. Daraus folgerten die Forscher in ihrer 23-seitigen Analyse: „Das System des Sozialismus hatte einen nachhaltigen Einfluss auf die Moral seiner Bürger.“ Das freilich bedeute nicht, dass die Ostdeutschen amoralischer seien, sie könnten auch nur besser gelernt haben, sich in einem vorgegebenen festen Rahmen vorteilsbringend zu behaupten.

In einem zweiten Versuch waren die Teilnehmer aufgefordert worden, ihren Gewinn entweder ganz oder teilweise an ein staatliches Krankenhaus in Leipzig oder Hannover zu spenden. Da lagen plötzlich die Ossis (spendeten 72 Prozent) knapp vor den Wessis (70 Prozent). Waren starke Schummler womöglich großzügiger als ehrliche Spieler, um sich reinzuwaschen? Diese These bestätigte sich nicht. Ein Vierteljahrhundert nach dem Fall der Mauer ergeben die deutsch-deutschen Befindlichkeiten noch kein kohärentes Bild.

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