Spanien : Das Schweigen soll ein Ende haben

Spanien untersucht Verbrechen der Diktatur. Opferorganisationen haben eine Liste mit den Namen von 134.000 Verschwundenen übergeben, deren Schicksal bis heute nicht aufgeklärt wurde.

Ralph Schulze

MadridMadrid – „Heute ist ein historischer Tag für viele Familien“, sagt Emilio Silva bewegt. Mehr als 30 Jahre lang seien die Opfer und Untaten der spanischen Franco-Diktatur (1939–1975) totgeschwiegen worden. „Jetzt übernimmt der Staat endlich seine Verantwortung“, sagt der 42-Jährige. Silvas Großvater war vor etwa 70 Jahren von den Todesschwadronen General Francos ermordet und in einem Massengrab verscharrt worden.

Weil er ein Linker war. Genauso wie mehr als 100 000 weitere Franco-Gegner. Die meisten waren während des spanischen Bürgerkriegs (1936–1939), in dem Franco-Truppen die legale Republikaner-Regierung niederkämpften, und in den ersten Jahren der nachfolgenden Franco-Rechtsdiktatur hingerichtet worden. Nun verkündete Spaniens berühmter Untersuchungsrichter, Baltasar Garzon, den staatlichen Mantel des Schweigens zu lüften und die Menschenrechtsverbrechen des spanischen „Caudillo“ (Führer) Francisco Franco, der 1975 starb, untersuchen zu wollen.

Der 52-jährige Garzon ist Ermittler am Nationalen Gerichtshof in Madrid, der für organisierte Kriminalität, Terrorismus und Staatsverbrechen zuständig ist. Zudem verfügte Garzon, der auch schon gegen lateinamerikanische Diktatoren vorging, dass demnächst 19 in ganz Spanien gefundene Massengräber geöffnet werden. Die sterblichen Überreste sollen, soweit noch möglich, identifiziert und würdevoll auf den Heimatfriedhöfen der Opfer bestattet werden. Auch jener Graben, in den Francos Todeskommandos im August 1936 den berühmten spanischen Poeten Federico Garcia Lorca zusammen mit zwei weiteren Toten verscharrten, soll ausgehoben werden.

Opferorganisationen hatten Garzon eine Liste übergeben mit den Namen von 134 000 Verschwundenen, deren Schicksal bis heute nicht aufgeklärt wurde. Dieses „gewaltsame Verschwinden“ ist für Garzon nun die Basis, um wegen des Verdachts auf systematische Menschenrechtsverbrechen zu ermitteln. Vor allem Spaniens konservative Opposition wehrt sich gegen das „Aufreißen alter Wunden“. Spaniens sozialdemokratischer Regierungschef Jose Luis Zapatero unterstützt hingegen eine Aufarbeitung der dunklen spanischen Geschichte. Ralph Schulze

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