Politik : Spieglein, Spieglein

Robert Birnbaum

Foto: Rückeis / Montage: DP

HINTER DEN LINDEN

Ein Pressespiegel – nein, ganz falsch! Ein Pressespiegel hängt mitnichten bei uns an der Wand, damit wir uns in branchenüblicher Eitelkeit allmorgendlich von allen Seiten selbst bewundern könnten. Es handelt sich vielmehr um ein polit-optisches Instrument. Spitzenpolitiker und Verbandsfunktionäre lesen nämlich keine Zeitungen. Sie lassen ihre Pressestellen lesen. Die schnippeln dann aus, was sie für wichtig halten, kopieren es und verteilen die Sammlung im Hause. Das ist der Pressespiegel. Er spiegelt aber nicht einfach die Presse wider; der Strahlengang ist komplizierter. Der Pressespiegel spiegelt die aus Sicht der Partei, des Verbandes, des Ministeriums relevanten Themen in ihrer Widerspiegelung durch die Presse wider, allen voran aber die Widerspiegelung der Worte und Taten der Chefs der Parteien, Verbände und Ministerien. Bei so viel Brechung wird dem Lichtstrahl schon mal schlecht, woraufhin er die Wirklichkeit auf den Kopf stellt oder seitenverkehrt widergibt. Ein guter Pressespiegel dagegen ist ein Verwandter jenes Spiegleins an der Wand, das – wohl wissend um die eigene Zerbrechlichkeit – der leicht reizbaren Chefin erst mal versichert: „Frau Königin, Ihr seid die Schönste hier“, andererseits die schlechte Nachricht vom Schneewittchen hinter den sieben Bergen auch nicht verheimlicht. Der Bundesregierung ist es nun neulich passiert, dass ihr Spiegel blind blieb. „Wegen eines Betriebsausflugs der Abteilung II entfallen der Pressespiegel Inland I und II“, hat das Bundespresseamt bloß kühl annonciert. Und sonderbar: Die Bildstörung hatte keine erkennbar negativen Folgen. Vielleicht war es sogar positiv, dass die Regierung sich mal selbst reflektieren musste.

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