Sprachkultur : Unser täglich Deutsch

Politiker von der CDU und FDP wollen unsere Sprache im Grundgesetz verankern. Welches Deutsch meinen sie eigentlich?

David Hugendick

Bevor wir jetzt fragen, wann der Service-Point am Flughafen wieder Auskunftsschalter heißt, wann statt der Bibel ein aktueller Duden auf dem Hotelnachttisch liegt und eine Parfümeriekette auf richterliches Geheiß ihren Werbespruch in "Komm rein und find’s raus" ändern muss, sollte man erzählen, was hier eigentlich los ist. Es ist nämlich so: Vertreter der CDU und FDP wollen unser Deutsch ins Grundgesetz bringen.

Den Verfall der deutschen Sprache beklagen längst nicht mehr nur Heimatschutzverbände und Hobbysprachpfleger. Selbst Politiker erklären sie inzwischen zum Sanierungsfall, sehen sie überflutet von Anglizismen, vom sogenannten Denglisch malträtiert, gegen das sie geschützt werden muss. Ein so gefährdetes Gut schafft es bisweilen in die Verfassung. Wie die Menschenwürde. Wie die Pressefreiheit. Ist die Sprache unserer Dichter und Denker nicht ebenso ein absoluter Wert?

Fragen wir Goethe und seinen Faust! Dessen "geliebtes Deutsch" brachte ihn einst in arge Not. Ihn drängt’s, die Bibel zu übersetzen, aber er stolpert gleich über den ersten Satz: "Geschrieben steht: 'Im Anfang war das Wort'! / Hier stock ich schon! Wer hilft mir weiter fort?/ Ich kann das Wort so hoch unmöglich schätzen." Das ist nicht nur eines der schönsten Bekenntnisse zur deutschen Sprache, sondern zugleich die Frage nach deren Wesen und Einheit.

Wer die Sprache liebt, kann oft nicht umhin, sie als Einheit zu sehen. Im Faust erregt das Sprachskepsis und Zweifel. Die liebeskranken Sprachschützer indes verfallen dem Glauben, Sprache sei kartierbar, einzuzäunen innerhalb bestehender Grenzen. Doch wo will man die ziehen? Hinter allem, was nicht Englisch ist? Wo endet die Sprachgeschichte, die von grammatischen Überformungen und einverleibten fremden Wörtern nur so wimmelt?

Seit Jahrhunderten ist unsere Sprache ein Hybrid, eine wuchernde Wildnis, von der niemand behaupten kann, er habe sämtliche Trampelpfade schon betreten. Dialekte, Soziolekte, Idiolekte, herrje, was gibt’s nicht alles! Wer vom Verlust einer sprachlichen Einheit klagt, sollte sich ernsthaft fragen, welches Gespenst er verfassungsrechtlich adeln will. Denn er jagt der Vorstellung von einer reinen Sprache nach, die es so nie gegeben hat.

Welche Gefahr überdies von dieser gefühlten sprachlichen Einheit ausgehen kann, zeigt sich, wenn man ihren vorgeblichen Verfall mit dem der nationalen Identität verbindet. Der Dichter Hugo von Hofmannsthal etwa lieferte in den zwanziger Jahren ein treffliches Beispiel, wozu die Gleichsetzung von Sprache und Geist führen kann. So dröhnte er in Das Schrifttum als geistiger Raum der Nation: "In einer Sprache finden wir uns zueinander, die völlig etwas anderes ist als das bloße natürliche Verständigungsmittel (...), wir ahnen dahinter ein Etwas waltend, das wir den Geist der Nation zu nennen uns getrauen." Derlei Sprachmystik hat in der Vergangenheit unzählige nationalistische Verirrungen dekoriert, in der Beschwörung eines Volksgeists, der sich in der Sprache spiegele.

Die heutige Politik ist davon zum Glück weit entfernt. Doch sollte sie sich darüber im Klaren sein, welchen finster gesinnten Gestalten sie mit ihrer Forderung das Wort redet. Freilich steht es jedem zu, über gegenwärtige Simplifizierungen unserer Sprache ("Ich bin grad Training Alexanderplatz") den Kopf zu schütteln. Doch das Gerede von einer Verankerung in der Verfassung klingt selbstbewusster, als es sein kann. Das Gesetz kann nicht das übernehmen, was den Sprechern obliegt. Denn es ist die Aufgabe jedes Einzelnen, die Zukunft der Sprache lebendig zu gestalten.
 

Quelle: ZEIT ONLINE

0 Kommentare

Neuester Kommentar