Staatschef Saleh schickt Scharfschützen : Fünfzig Tote nach Protesten in Jemen

Nach dem Freitagsgebet eröffnen Scharfschützen von Dächern das Feuer auf Regimegegner. Die meisten der Protestierenden sind Studenten der Universität der jemenitischen Hauptstadt Sanaa.

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Kairo - Nach einem Massaker seiner Sicherheitskräfte an Demonstranten in Sanaa hat Jemens Präsident Ali Abdullah Saleh im ganzen Land den Ausnahmezustand verhängt. Scharfschützen hatten zuvor nach dem Freitagsgebet von Dächern herunter das Feuer auf die Menge eröffnet und mindestens 50 Menschen getötet, weitere 240 wurden verletzt. Die meisten sind Studenten, die auf einem Platz vor der Sanaa-Universität versammelt waren und Slogans gegen das Regime von Saleh skandierten. Nach Angaben eines Arztes wurden die meisten Verletzten von Kugeln am Kopf, am Hals und in der Brust getroffen. In der Folge kam es erneut zu schweren Auseinandersetzungen zwischen Ordnungskräften und aufgebrachten Demonstranten, die nach eigenen Angaben eines der Dächer stürmen und sieben der Heckenschützen festnehmen konnten.

Seit vier Wochen campieren tausende Oppositionsanhänger im Zentrum der jemenitischen Hauptstadt Sanaa. Sie fordern den Rücktritt von Saleh, der das Land an der Südspitze der Arabischen Halbinsel seit 1978 regiert. In der Nacht zum Freitag waren bereits maskierte Regimeschläger über die Demonstranten hergefallen und hatten zahlreiche Protestierer verletzt, darunter auch Professoren der Universität. Auch in anderen Städten wie Taiz und Aden kam es regelmäßig zu blutigen Zusammenstößen zwischen Anhängern der Opposition und den Sicherheitskräften. Dabei setzten die Uniformierten scharfe Munition und Messer, Schlagstöcke und Steine sowie Reizgas und Tränengas gegen die Demonstranten ein. Bereits Anfang der Woche hatte UN-Generalsekretär Ban Ki Moon den „exzessiven Einsatz von Gewalt“ durch die Führung in Sanaa verurteilt.

Um die Proteste zu beenden, hatte Präsident Saleh angekündigt, er werde 2013 auf eine erneute Kandidatur verzichten. Gleichzeitig versprach er eine umfassende Reform der Verfassung weg von einem Präsidialsystem hin zu einem stärker parlamentarischen System. Der Opposition reicht dies jedoch nicht. Sie verlangt weiter Salehs Rücktritt, der in ihren Augen jegliche Legitimität verloren hat.

Der Jemen gehört zu den ärmsten der arabischen Staaten, ein Drittel seiner Bevölkerung hat nicht genug zu essen, die Hälfte lebt unter der Armutsgrenze der Vereinten Nationen von zwei Dollar pro Tag. Die Terrororganisation Al Qaida hat sich in den schwer zugänglichen Bergen des Landes festgesetzt. Mehrere spektakuläre Attentate der Terroristen auf westliche Ziele wurden vom Jemen aus geplant. Weihnachten 2009 versuchte ein Student, einen US-Airbus beim Anflug auf Detroit mit in seiner Unterwäsche verstecktem Sprengstoff zum Absturz zu bringen. Im Oktober 2010 wurden in Sanaa mit Sprengstoff präparierte Druckerpatronen aufgegeben, durch die Frachtflugzeuge zum Absturz gebracht werden sollten. Martin Gehlen

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