Politik : Stammzellen-Forschung: Der Mensch im Affen

Hartmut Wewetzer

Die Stammzellforscher stehen im Rampenlicht. Es vergeht kaum eine Woche, in der nicht mehr oder weniger sensationelle Studien in wissenschaftlichen Zeitschriften veröffentlicht werden. Über Fortschritte wie über Rückschritte wird da berichtet. In jedem Fall aber wächst das Wissen über Stammzellen, und damit rückt auch der Tag näher, an dem embryonale Stammzellen oder Gewebe aus therapeutischem Klonen beim Menschen erprobt werden.

Zum Thema Online Spezial: Die Debatte um die Gentechnik Während der amerikanische Präsident Bush von Öffentlichkeit und Wissenschaft bedrängt wird, die Forschung an Stammzellen aus menschlichen Embryonen staatlich zu fördern - erlaubt ist sie in den USA ohnehin -, kämpfen hierzulande Wissenschaftler um ihr Recht auf Forschung. "Ich persönlich kann mir nicht vorstellen, dass man ein solches Forschungsgebiet, das neue Dimensionen in der Behandlung schwerster Krankheiten eröffnen kann, voll verbieten will", sagte der Bonner Stammzellforscher Otmar Wiestler im Sender n-tv. Deutschland würde sich damit abkoppeln. "Die Pioniere auf diesem Gebiet müssten dann überlegen, ob sie ins Ausland wechseln."

Wiestler will gemeinsam mit seinem Kollegen Oliver Brüstle an importierten embryonalen Stammzellen vom Menschen forschen. Das ist zwar rein rechtlich erlaubt, aber im Augenblick in Deutschland so umstritten, dass sich die Deutsche Forschungsgemeinschaft noch nicht dazu durchringen konnte, den Förderantrag zu bewilligen. Menschliche embryonale Stammzellen, wie sie Brüstle und Wiestler erforschen wollen, werden aus überzähligen Embryonen der Reagenzglasbefruchtung hergestellt.

Eine andere Quelle für Stammzellen hatten die Forscher um Vaclav Ourednik von der Harvard Medical School in Boston. Ourednik und seine Kollegen pflanzten in einem spektakulär anmutenden Experiment menschliche Stammzellen des Nervensystems - gewonnen aus dem Hirn eines abgetriebenen Föten - in die Hirne dreier ungeborener Rhesusäffchen ein. Die neugeborenen Affen wurden eingeschläfert und ihr Gehirn mikroskopisch untersucht. Es stellte sich dabei heraus, dass die menschlichen Stammzellen sich überall im Gehirn weiterentwickelt und verbreitet hatten, wie die Forscher im Wissenschaftsmagazin "Science" berichten.

Die Studie hat zwei wichtige Konsequenzen. Zum einen erwiesen sich die menschlichen Stammzellen gegenüber einer relativ nah verwandten Art als gut verträglich. Zum anderen eröffnet die Untersuchung zumindest hypothetisch die Möglichkeit, angeborene Nervenleiden bereits im Mutterleib zu behandeln. Ein Beispiel für einen solchen Gendefekt ist die vor allem bei osteuropäischen Juden auftretende Tay-Sachs-Krankheit. Wegen eines Enzymmangels wird das Gehirn der Kinder allmählich zerstört, und es kommt zu Lähmungen, Krampfanfällen und allmählicher Erblindung. Die Krankheit beginnt schon im ersten Lebensjahr und endet innerhalb von zwei bis drei Jahren tödlich. Würden "gesunde" Stammzellen ins Gehirn gespritzt, könnten sich aus diesen "Alleskönnern" auch Nervenzellen entwickeln, die das fehlende Enzym liefern.

Aber solche Perspektiven liegen vorerst noch in ziemlich weiter Ferne. "Es ist unmöglich, die Zukunft der Stammzell-Anwendung vorherzusagen, vor allem, wenn man bedenkt, dass die Forschung erst in den Anfängen steckt", heißt es in einem umfassenden Bericht, den die Nationalen Gesundheitsinstitute der USA kürzlich zur Stammzell-Forschung veröffentlicht haben. Unklar ist auch, welche Art von Stammzellen - von Embryonen, Föten oder Erwachsenen - die für die Medizin beste ist. "Antworten werden wir nur durch mehr Forschung bekommen", lautet das Fazit des Berichts.

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