Sterbehilfe besser regeln : Auch wer sterben will, braucht Hilfe

Zur Debatte um ein würdevolles und selbstbestimmtes Sterben gehört auch auf lange Sicht der Aspekt der aktiven Hilfe. Ein Gastkommentar

Petra Sitte
Herzförmige Zettel im Hospiz der Caritas in Düsseldorf mit Namen von ehemaligen Bewohnern.
Auf herzförmigen Zetteln stehen im Hospiz der Caritas in Düsseldorf Namen von ehemaligen Bewohnern.Foto: dpa

Umfragen besagen, dass ungefähr zwei Drittel der Bevölkerung sogar eine aktive Form der Sterbehilfe befürworten. Diese ist in Deutschland aber als Tötungsdelikt unter Strafe gestellt. Es sind derzeit keine politischen Mehrheiten zu erahnen, die daran etwas ändern könnten.

Wir Bundestagsabgeordnete debattieren vielmehr derzeit über die Beihilfe zum Suizid, also darüber, ob und wie einer sterbewilligen Person dabei geholfen werden kann, sich am Ende doch selbst zu töten. Klassischerweise geht es hier darum, jemandem den passenden Giftcocktail zu besorgen. Schlucken muss ihn die Person dann aber selbst. Diese Beihilfe ist in Deutschland bisher straffrei. Die Frage im Bundestag ist, ob wir sie künftig massiv einschränken oder zumindest deutlicher regulieren.

Der Wunsch nach massiver Einschränkung der Suizidbeihilfe speist sich vorrangig aus zwei Richtungen.

Auf der einen Seite sind dies religiöse Überzeugungen. Die christlichen Kirchen sind ebenso wie jüdische und muslimische Organisationen der Auffassung, dass die letzte Entscheidung über Leben und Tod nicht den Menschen, sondern Gott vorbehalten sein soll. Ich bin der Überzeugung: Wer dies aus Glaubensgründen so für sich annimmt, muss die Möglichkeit haben, sich entsprechend zu verhalten.

Deshalb darf es aus meiner Sicht keinen Druck oder Zwang zum Suizid oder zur Beihilfe geben. Aber aus dem eigenen Glauben heraus anderen derlei Wege zu verbieten oder zu erschweren, das wiederum ist für mich unvereinbar mit dem Grundrecht auf Selbstbestimmung.

Auf der anderen Seite wird eine Einschränkung der Beihilfe damit begründet, dass sie ein für Kostenträger billiger, für die Anbieter aber profitträchtiger und damit unmoralischer Ausweg aus den miserablen Zuständen unseres Gesundheits- und Pflegesystems sei.

Andere springen vom Hochhaus oder werfen sich vor Züge

Diese Zustände sind in der Tat oft ein Trauerspiel und müssen dringend geändert werden. Wir brauchen eine bessere Versorgung im Pflege- und im Hospizbereich. Wir brauchen gut ausgebildete Pflegerinnen und Pfleger, die auch angemessen bezahlt werden, mehr Ärztinnen und Ärzte auch dort, wo Medizin nur noch den Weg zum Tod begleitet und nicht mehr heilen kann. Ich wünsche mir eine ausgezeichnet ausgestattete Palliativmedizin. Wir brauchen aber auch Beratungsstellen, die suizidwilligen Menschen Auswege hin zum Leben aufzeigen und Alternativen anbieten.

All das darf nicht vom Geldbeutel abhängen. Deshalb stehe ich als LINKE auch für eine solidarische Bürgerversicherung und ein Gesundheitswesen, das sich gerade nicht nach marktwirtschaftlichen Maximen behaupten muss. Mit Leid und Heilung, aber eben auch mit dem Tod soll kein Krankenhaus, kein Pflegeheim und auch kein Sterbehilfeverein Geld verdienen müssen. Im Fall der Sterbehilfevereine setze ich hinzu: auch nicht können.

Doch selbst dann, wenn die beste medizinische und auch seelsorgerische Betreuung gegeben ist, gibt es Menschen, die für sich entscheiden wollen, wann sie aufhören wollen zu leben, beispielsweise weil eine Krankheit ihnen die Autonomie im Leben nimmt.

Ein prominentes Beispiel hierfür ist der Schriftsteller Wolfgang Herrndorf. Er erschoss sich im Alter von 48 Jahren, drei Jahre nachdem bei ihm ein unheilbarer Hirntumor diagnostiziert wurde.
In seinem zunächst als Blog geführten und posthum als Buch veröffentlichten Tagebuch "Arbeit und Struktur" kann man in den letzten Einträgen vor seinem Tod nachlesen, wie er keine Worte mehr findet, sich nicht mehr an selbst Geschriebenes erinnert. Das Tagebuch ist ein grausames Zeugnis davon, wie Herrndorf seine Autonomie verliert. Gleichzeitig zeigt es, wie intensiv er zwischen seiner Krebsdiagnose und dem selbst gewählten Todeszeitpunkt gelebt hat.

Es geht also nicht darum, gar nicht leben zu wollen, sondern vielmehr darum, zu sagen: So, unter diesen Umständen, in diesem Zustand will ich nicht leben. Das ist nicht meine Vorstellung von Leben, auch nicht im Alter.
Herrndorf beschreibt auch die Suche nach einer für ihn passenden Art des Suizids als seinen letzten selbstbestimmten Akt. Eine Suche, die er als unwürdig empfand. So sind in Deutschland bestimmte Medikamente, die einen Suizid ohne große Qualen ermöglichen, noch nicht einmal verschreibungsfähig, wie Herrndorf lernen muss. Auch ein Grund, warum er zur Waffe greift.

Andere springen vom Hochhaus oder werfen sich vor Züge und ziehen mit ihrer Entscheidung damit Unbeteiligte in Mitleidenschaft. Oft wissen Sterbewillige nicht, an wen sie sich wenden können. Das liegt unter anderem an den uneinheitlichen Regelungen der Ärztekammern, die bei der einen Kammer dafür sorgen, dass ärztliche Beihilfe verboten ist, bei der anderen dagegen nicht.

Auf lange Sicht geht es mir auch um die aktive Hilfe

Eine gut geregelte Suizidbeihilfe müsste solche Widrigkeiten abbauen. Dann hilft sie, Selbstbestimmung und Autonomie auch im unheilbaren Leiden und im Sterben aufrecht zu erhalten, und auch in diesen Fällen dem Lebensende die entsprechende Würde zu verleihen. Weil ich niemanden zur Beihilfe drängen will, halte ich es für falsch, sie nur noch Verwandten oder Ärzten zu erlauben. Je weniger Menschen die Beihilfe erlaubt ist, desto mehr Druck lastet auf den durch ein Gesetz Auserwählten. Wenn Suizidbeihilfe nur noch Einzelpersonen, gar nahen Verwandten oder einzelnen Ärzten erlaubt bleibt, kann es schnell zu Überforderung, Unklarheiten und unschönen Verdächtigungen kommen. Die Beihilfe rutscht so in ein dunkles Feld des Heimlichen. Um dies zu vermeiden, brauchen wir eine reformierte Form der organisierten Sterbehilfe, die die Chance auf verlässliche und kontrollierbare Verfahren bietet.

Die Linken-Politikerin Petra Sitte.
Die Linken-Politikerin Petra Sitte möchte im Rahmen einer Initiative gemeinsam mit Renate Künast von den Grünen und weiteren...Foto: dpa

Keinesfalls dürfen Sterbehilfeorganisationen daraus Profit schlagen. Sie müssen transparent dokumentieren, dass es eine freie Entscheidung der Sterbewilligen ist, die über Alternativen umfassend aufgeklärt wurden. Auch sollten wir überlegen, ob wir das Recht auf Suizidbeihilfe ganz explizit nur denen ermöglichen, die unheilbar krank sind und keine Aussicht auf dauerhafte Besserung ihrer Lebensumstände haben. Schließlich gibt es auch Tausende, die im Alter an einer Vielzahl von Krankheiten leiden, die ihre Lebensqualität dramatisch einschränken. Palliativmedizin und Hospize erfassen diese gar nicht.

In diesem Sinne wirke ich gemeinsam mit meiner Kollegin Renate Künast und weiteren Abgeordneten an einer Initiative mit, deren Ziel es ist, die Suizidbeihilfe nicht einzuschränken, sie aber besser zu regulieren. Zur Debatte um ein würdevolles und selbstbestimmtes Sterben gehört aber auch – und hier spreche ich nicht mehr als Vertreterin der eben genannten Initiative, sondern als Einzelperson – auf lange Sicht der Aspekt der aktiven Hilfe. Denn auch wenn es nur Einzelfälle sein mögen: Nicht jeder ist am Ende noch in der Lage, den Tod selbst herbeizuführen. Es gibt Krankheitsverläufe und körperliche Beeinträchtigungen, die wachen Geistern keine Chance lassen, selbst aktiv zu werden, so sehr sie dies auch wollen mögen. Es darf aber eben auch in diesem Falle niemand dazu gezwungen zu sein, diese Aufgabe für die Sterbewilligen zu übernehmen.

Petra Sitte ist erste parlamentarische Geschäftsführerin der Linksfraktion im Bundestag. Ihm Rahmen der Sterbehilfe-Debatte auf Tagesspiegel.de haben sich unter anderen bereits Michael Brand (CDU) und Eva Högl (SPD) geäußert.

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