Politik : Stimme der deutschen Juden

Die „Jüdische Allgemeine“ soll wieder wöchentlich erscheinen

Christian Böhme

Die amerikanische Fahne ist klein, aber nicht zu übersehen. Sie steht mitten auf Judith Harts Schreibtisch. Eine blau- weiß-rote Solidaritätsbekundung aus aktuellem Anlass? Die Chefredakteurin der „Jüdischen Allgemeinen“ schüttelt den Kopf. „Klar, das könnte man so verstehen. Die Fahne steht aber schon lange dort. Der Beginn des Irak-Krieges war allerdings für mich auch kein Grund, sie vom Tisch wegzunehmen.“ Hart hat ein Faible für Amerika und die Amerikaner, schon lange. Das heißt für die 40-Jährige nicht, alles kritiklos hinzunehmen. Aber was in Deutschland seit einigen Wochen an antiamerikanischen Ressentiments und Klischees zu lesen und zu hören sei, findet sie arg überzogen. „Das schießt doch oft über das Ziel hinaus. Und das beunruhigt mich.“ Eine Unruhe, die sich auch inhaltlich in der jüngsten Ausgabe der „Jüdischen Allgemeinen“ widerspiegelt.

Da ist zum Beispiel auf der prominenten ersten Seite der Wochenzeitung für Politik, Kultur, Religion unter der Überschrift „Ist das noch unser Land?“ ein Beitrag von Michael Wolffsohn zu lesen. Eine provokante Frage, sicherlich. Aber eben auch die bange Frage vieler Juden, die in Deutschland leben. Wie Judith Hart können sie nicht verstehen, warum auf Demonstrationen zum Beispiel US-Präsident George W. Bush mit Hitler gleichgesetzt wird. Und Paul Spiegel, Präsident des Zentralrats der Juden, beklagt in einem Interview, dass viele Deutsche in Sachen Washington gegen Saddam derzeit „Opfer und Täter verwechseln“.

Die Reaktionen der Leser auf diese Sichtweise des Krieges seien ganz unterschiedlich gewesen, berichtet Hart. Juden hätten sich für die Beiträge bedankt. „Die Leute haben angerufen und gesagt: Endlich wurde mal ausgesprochen, was wir denken und fühlen.“ Nichtjüdische Leser dagegen seien regelrecht aufgebracht gewesen und unterstellten der Zeitung, sie betreibe dumpfe Meinungsmache. Ein Vorwurf, den die seit 1996 amtierende Chefredakteurin bestreitet. „Uns geht es darum, zum Nachdenken anzuregen. Und das versucht die „Jüdische Allgemeine“, indem sie die andere Sichtweise zeigt. Das, was häufig zu kurz kommt.“

Gegen den Strom schwimmen, Debatten anstoßen – das gehört bei der „Allgemeinen“ zum Programm. Sie ist die einzige jüdische Zeitung in Deutschland, die überregional vertrieben und gelesen wird. Gewissermaßen die erste Adresse, wenn man sich über jüdisches Denken und jüdische Befindlichkeiten informieren will. Und ein Identifikationsobjekt, glaubt Hart. Alle 14 Tage erscheint das Blatt, Umfang in der Regel 20 Seiten, Auflage 15 000, gemacht in der Tucholskystraße in Berlin-Mitte von einem kleinen Team. Vier Redakteure und sechs weitere Mitarbeiter, mehr sind es nicht, die das Blatt produzieren. Weniger ginge auch beim besten Willen nicht, sagt Hart.

Aber womöglich wird es ja bald sogar mehr Redakteure und Mitarbeiter bei der „Jüdischen Allgemeinen“ geben. Denn der Zentralrat der Juden als Herausgeber und Geschäftsführer Michel Friedman würden es gerne sehen, wenn die Zeitung künftig wieder jede Woche erscheinen würde. Zwischen 1946, dem Gründungsjahr, und 1993 war dieser Rhythmus die Regel. Dann wurde das Geld knapp. Alle zwei Wochen eine neue Ausgabe, mehr war nicht drin. Das soll sich nun wieder ändern. Zuvor müssen aber die verschiedenen Gremien des Zentralrats dem Plan zustimmen. „Ich kann mir vorstellen, dass das klappt“, sagt Präsident Paul Spiegel.

Die Entscheidung könnte den Verantwortlichen leicht fallen. Zum einen sieht die finanzielle Situation des Zentralrats nach dem Staatsvertrag mit der Bundesregierung besser aus als früher. Mit drei Millionen Euro wird nun die Arbeit der Organisation jährlich unterstützt. Zum anderen geht es der „Jüdischen Allgemeinen“ auf dem schwierigen Zeitungsmarkt nicht eben schlecht. Gegen den Trend steigt die Zahl der Anzeigen etwas an, ebenso wie die Zahl der Leser und die Auflage. Gerade beim Marketing gebe es durch besondere Beilagen einige Erfolge, berichtet die Chefredakteurin.

Dennoch, so ganz zufrieden kann sie nicht sein: Es gibt noch zu wenige jüdische Leser. Fast 100 000 Menschen dieses Glaubens leben in Deutschland, aber viele kennen „ihre“ Zeitung bisher nicht. Gerade die russischsprachigen Zuwanderer, die inzwischen in den meisten der 85 Gemeinden die Mehrheit sind, scheitern bei der Lektüre schon an der Sprache. Doch für deren Integration wird ja Einiges getan. Ist das erst einmal geschafft, wäre die „Jüdische Allgemeine“ eine gewichtige Stimme. Für alle Juden, die in Deutschland leben. Und für die, die wissen wollen, was sie denken.

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