Stimmen : Ein Blick in die norwegische Gesellschaft

Der Schock sitzt tief und Trauer herrscht vor. Dies wird offensichtlich beim Lesen der Kommentare von norwegischen Zeitungslesern, Journalisten und Bloggern zu den Anschlägen vom vergangenen Freitag.

Saskia Rughöft

Milla, eine Bloggerin (28) schreibt z.B.: „Eine ganze Nation trauert. Dabei geht es nicht um deine oder meine Kinder, die so brutal von uns gerissen wurden, sonder um UNSERE Kinder! Norwegens Zukunft. Man schaut ins Land und überall ist Trauerbeflaggung, es werden Fackelzüge und Gedenkveranstaltungen organisiert.“ Ähnlich klingt die erste Reaktion des Autoren Lars Helle: „Das sind Schäden, die nicht mit Zement, Backstein und Farbe repariert werden können. Das sind Schäden, für deren Handhabung wir jetzt alle eine Verantwortung haben. Und es sind Schäden, die und sehr verzweifelt, wütend und besorgt machen.“

Die Angriffe trafen die Norweger völlig unerwartet, sie waren bisher immer stolz auf ihr friedliches Land und fühlten sich sicher. So schreibt der Autor Roy Jacobsen auf den Internetseiten der Zeitung Aftenposten: „Der Abstand (zu anderen, internationalen Attentaten) ist jetzt verschwunden. Das Unfassbare ist passiert – hier! Es ist schrecklich nah und unwirklich schmerzhaft, als Phantomschmerzen für all uns, die es „nur“ durch die Medien miterlebten. [...] Es steht jetzt schon fest – nichts bleibt so, wie vorher. Dieser Freitag wird im Gedächtnis bleiben.“

In diesem Zusammenhang wird immer wieder erwähnt, wie vorbildlich große Teile der Gesellschaft auf die Ereignisse reagieren. Gaarder (s.o.) schreibt über „beeindruckende Mitmenschlichkeit“: „Der Zwillingsangriff brachte unsere zivile Kraft hervor. Er mobilisierte ein klar denkendes Volk, als der Reflex war, Frieden und Zusammenhalt entgegenzusetzen. Es gibt sicher viele Beamte, die Lob und Ehre verdienen, aber bisher haben wir vor allem den Widerstand des Volkes gesehen: Jugendliche auf Utöya, die ihr eigenes Leben riskierten, um zu helfen, Campingtouristen , die loszogen, um die zu retten, die im Wasser um ihr leben kämpften, Botbesitzer und vorbeikommende Autofahrer.“

Auch die junge Bloggerin Marie (21) aus Fredrikstad ist stolz auf die Reaktionen ihrer Mitmenschen: „Ich finde keine Worte, die beschreiben können, wie stolz ich in diesen Tagen auf unser Land bin. Es fühlt sich an, als lebten wir in einer mentalen Gruppenumarmung mit endloser Liebe und Wärme für einander. Dem Terror wird nicht begegnet mit Hysterie und Angst, sondern mit Würde, Widerstand und grenzenlosem Zusammenhalt. Ich liebe Norwegen, ich bin so  stolz auf uns.“

Shabana Rehman Gaarder ist eine von vielen Kommentatoren, die über die Motive des Täters nachdenken und zu ähnlichen Schlüssen kommen: „Es war das multiethnische, freie Norwegen, für das die AUF-ler sich sammelten. Und es war die Zukunft dieses multiethnischen Norwegens, die Breivik töten wollte. Er konzentrierte sich auf jene, die des Landes humane Solidarität weiterführen sollten und würden. Dies ist der Kern des Traumas, den die Nation nun bearbeiten muss.“

Diese Überlegungen unterstützen auch die reflexhafte Beschwörung der weiter bestehenswürdigen norwegischen freien Demokratie: „Es ist Zeit, ein besseres Norwegen zu schaffen“, schreibt Svein Tore Marthinsen in seinem Blog. „Alles hat seine Zeit. Jetzt ist eine Zeit, in der man zusammen stehen muss. Zusammenstehen für die Werte, die wir teilen. Zusammenstehen für Demokratie, Offenheit, Nächstenliebe und Zukunftsvertrauen.“ Ähnlich wie er argumentieren zur Zeit viele Norweger, nicht zuletzt Jens Stoltenberg. Sie alle beteuern, an ihrer offenen Gesellschaft festhalten zu wollen und diese weiter stärken zu werden – eine Art Trotzreaktion auf die Taten Breiviks.

Viele fühlen sich hin- und her gerissen bei der Beschäftigung mit den Motiven hinter den Anschlägen. „Die Terrorangriffe des 22. Juli sehen aus, als wären sie fast wie eine blutige Buchveröffentlichung gemeint gewesen.“, stellt Björn Staerk in seinem Kommentar fest. „Breivik macht es wire andere Fanatiker vor ihm. Er benutzt die Macht, die er nun über unsere Aufmerksamkeit hat, um uns seine wütenden Fieberfantasien aufzuzwingen. Es fühlt sich unangenehm an, diese Ideen weiterzugeben. Andererseits haben wir nicht länger eine Wahl. Der Angriff ist passiert, jetzt geht es darum, zu verstehen.“

Ähnlich sieht es auch Aage Borchgrevink:„Es hat etwas ekelerregendes, Anders Behring Breiviks umfassende schirftliche Hinterlassenschaften im Netz zu lesen. Er wünschte sich offenbar Leser und es ist unangenehm, eines Mörders Wünsche zu erfüllen. Es ist problematisch, über ihn zu schreiben – vielleicht trägt man unfreiwillig zum Kult bei, der jetzt auf einzelnen Webseiten erstarkt. Es ist verlockend, zu verneinen, verschweigen und verdammen. Gleichzeitig liegt aber Information vor, die vielleicht die Ereignisse des 2.. Juli beleuchten und dazu beitragen kann, etwas über die (Entstehungs-)Bedingungen für den Terror in unserer Zeit zu sagen.“

Es wird darüber nachgegrübelt, wie die schrecklichen Taten passieren  konnten und wie Breivik sich zu einem derartig gefährlichen Extremisten entwickeln konnte. Borchgrevink vermutet so zum Beispiel die Antwort in „parallele Nachrichtennischen oder Medienwirklichheiten“, die mit extremen politischen Ideen, die „Radikalisierung einzelner junger Männer“ ermöglichen. „Sie können sogar zu Terroristen werden, seien es Dschihadisten oder wie in Breiviks Fall, sog. Kontradschihadisten.“

„Wer ist der Terrorist?“, fragt auch Öyvind Strömmen und kommt für sich zu dem Schluss, dass Breivik „weder christlich-konservativ noch Neonazi“ ist. Er sieht seine Inspiration eher im „Internetmilieu, das sich „counterjihadistisch“ nennt“.

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