Politik : "Stoiber will, aber ich will auch"

Peter Siebenmorgen

Längst ist der Gänsebraten verschlungen und der Schnaps getrunken. Gegen 23.00 Uhr am Mittwoch brechen die meisten Abgeordneten von der Weihnachtsfeier der Unionsfraktion im Hotel Intercontinental auf. Auch die Fraktionsspitze ist auf dem Heimweg. Aber einige Unverdrossene sitzen noch beisammen. Die Stimmung ist gut.

Angela Merkel, die CDU-Vorsitzende, geht von Tisch zu Tisch. Schließlich, es ist kurz vor Mitternacht, lässt sie sich doch noch einmal nieder, in Gesellschaft einiger Norddeutscher, zu denen auch die beiden Landesgruppenchefs Dietrich Austermann (Schleswig-Holstein) und Reinhard von Schorlemmer (Niedersachsen) gehören. Rasch kommt die Rede auf jenes Thema, über das es nach stereotyper Auskunft der CDU-Vorsitzenden ja eigentlich gar nichts zu erörtern gibt: die K-Frage.

Doch heute abend lässt sich Merkel auf ein Gespräch unter Freunden ein. Und die Tischgesellschaft staunt nicht schlecht, als es plötzlich, wie sich später einige Anwesende im Gespräch mit dem Tagesspiegel erinnern werden, aus ihr herausbricht: "Ich weiß, dass Edmund Stoiber es werden will. Aber ich will es auch." Das hatten sie noch nie gehört. Und auch ihren unbedingten Willen, es in jedem Fall auf einen harten Machtkampf mit Edmund Stoiber ankommen zu lassen, hat sie zuvor selbst im kleinen Kreis noch nie erklärt.

Wenige Wochen zuvor war die Gemengelage keineswegs derart eindeutig. Denn lange Zeit hatte der zögerliche CSU-Vorsitzende sich in der Schwesterpartei nach einem dritten Mann umgeschaut. Noch am Tag der Vertrauensabstimmung für Gerhard Schröder im Bundestag, am 16. November, versuchte Stoiber einen CDU-Granden zu überzeugen, dass dieser antreten solle. Mit einigen seiner wenigen engen Vertrauten in der CSU-Landesleitung und der bayerischen Staatskanzlei hat Stoiber diesen Plan erörtert; eingeweiht war auch das eine oder andere CDU-Präsidiumsmitglied. Und alle haben die Botschaft Stoibers verstanden: Jede Konstellation, die Angela Merkel verhindert, ist ihm recht. Denn mit der CDU-Vorsitzenden in den Wahlkampf zu ziehen, müsse nahe einer Katastrophe enden. Während auf die Sonntagsfrage für die bayerische Landtagswahl über 53 der Befragten antworten, CSU wählen zu wollen, gibt es auf die entsprechende Frage mit Blick auf die Bundestagswahl nur knapp 40 Prozent.

Kurz vor dem Dredner Parteitag der CDU haben sich die Dinge für Stoiber gewendet. Denn bei allen Versuchen, eine Alternative zu Merkel aus der CDU zu finden, stieß er immer wieder auf das gleiche Problem: Ein CDU-Kandidat kann schwerlich von der bayerischen Schwesterpartei ausgerufen werden. Mittlerweile sieht Stoiber aber auch das Risiko einer eigenen Kandidatur gemindert. Denn die Rufe nach ihm werden immer lauter. Nahezu alle Ministerpräsidenten der CDU sind für ihn, wichtige Präsidiumsmitglieder bedrängen ihn, in der Bundestagsfraktion schätzen Insider die Zustimmung für Stoiber auf 70 bis 80 Prozent.

Umgekehrt geht es beim Anspruch von Angela Merkel, die Union in den Wahlkampf zu führen, längst nicht mehr allein um den Griff nach dem Kanzleramt. Sie kämpft um ihr politisches Überleben. Nur ein sehr gutes Ergebnis bei der Bundestagswahl, das sie sich gutschreiben lassen könnte, würde sie stabilisieren - auch als Parteivorsitzende, gegen die Aspiranten für die dann folgende Wahl 2006. In der Bundestagsfraktion bekommt sie einstweilen keinen Fuß auf den Boden. Gefestigter denn je ist dort die Position des Vorsitzenden Friedrich Merz, gegen den sie nach Einschätzung aller Kenner im Falle einer Kampfabstimmung um den Fraktionsvorsitz haushoch verlieren würde.

"So vertrackt, wie die Dinge liegen, wird der Machtkampf zwischen den beiden blutig enden", befürchtet ein CDU-Präsidiumsmitglied. Und egal, wie dieser endet, nichts spricht dafür, dass es dann besser würde. Denn: "Er kann die Wahl nicht gewinnen; sie wird sie nicht gewinnen. Dabei hätten wir eigentlich eine wirklich gute Chance."

Attraktiv

"Wenn nun fast alle der Meinung sind, dass das jetzt so sein soll und ich es machen soll, dann bin ich bereit."

Edmund Stoiber, CSU-Vorsitzender

"Ich gehe davon aus, dass das Amt des Bundeskanzlers der Bundesrepublik Deutschland nicht unattraktiv ist."

Angela Merkel, CDU-Vorsitzende

"Meistens gab es Unionspolitiker, die bessere Umfragewerte hatten als er (Helmut Kohl). Und trotzdem ist niemand auf die Idee gekommen, ihn durch jemanden anderen auszutauschen."

Theo Waigel, früherer CSU-Vorsitzender über den Zusammenhang von Politiker-Beliebtheit und Kanzlerkandidatur

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