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Streit um Dissertation : Schavans Doktorvater: "Eine sehr beachtliche Leistung"

Im Streit um ihre Dissertation hat sich der Doktorvater von Annette Schavan hinter die Bildungsministerin gestellt. Auch andere Akademiker rügen eine Vorverurteilung der Ministerin und fordern ein Zweitgutachten. Verfolgt die Uni Düsseldorf politische Absichten?

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Unter Verdacht: Verliert Bildungsministerin Annette Schavan ihren Doktortitel?
Unter Verdacht: Verliert Bildungsministerin Annette Schavan ihren Doktortitel?Foto: dpa

In der Debatte über ihre Dissertation hat Bildungsministerin Annette Schavan (CDU) Rückendeckung von ihrem Doktorvater und führenden Wissenschaftlern erhalten. Gerhard Wehle bezeichnete die von ihm betreute Arbeit in der „Rheinischen Post“ vom Dienstag als „sehr beachtliche Leistung“. Vertreter der deutschen Wissenschaft kritisierten das Plagiatsverfahren gegen die Ministerin scharf und forderten ein Zweitgutachten.

"Die Arbeit entsprach absolut dem wissenschaftlichen Standard“, sagte der Pädagogikprofessor Wehle der „Rheinischen Post“ vom Dienstag. Schavan habe in ihrer 1980 verfassten Dissertation einen interdisziplinären Ansatz gewählt, der damals für eine junge Studentin ein „Wagnis“ gewesen sei. Die Analyse sei „gelungen“ gewesen, sagte der Doktorvater der Ministerin.

Internet-Plagiatsjäger hatten Schavan vorgeworfen, in ihrer Arbeit zum Thema „Person und Gewissen“ weite Passagen nicht korrekt mit Quellenangaben versehen zu haben. Die Philosophische Fakultät der Universität Düsseldorf leitete auch auf Bitte der Ministerin eine Prüfung ein. Ein Gutachter stellte nun „eine leitende Täuschungsabsicht“ fest, wie Medien unter Berufung auf einen vertraulichen Entwurf berichteten. In Schavans Arbeit sei das „charakteristische Bild einer plagiierenden Vorgehensweise“ erkennbar.

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Am 5. Februar 2013 verlor Annette Schavan, damals noch Bundesbildungsministerin, ihren Doktortitel. Gegen das Plagiatsverfahren an der Uni Düsseldorf klagte sie vor dem Verwaltungsgericht. Unterliegt sie, will die Freie Universität Berlin auch über ihre Honorarprofessur entscheiden.
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06.02.2013 09:20Am 5. Februar 2013 verlor Annette Schavan, damals noch Bundesbildungsministerin, ihren Doktortitel. Gegen das Plagiatsverfahren an...

Wehle sagte der Zeitung, er habe Schavan als einen „ehrlichen Menschen“ kennen gelernt. Im Übrigen dürfe eine Arbeit aus dem Jahr 1980 nicht ausschließlich nach heutigen wissenschaftlichen Maßstäben bewertet werden, sagte er. "Das ist nicht verhältnismäßig." Das nun in Teilen bekannt gewordene Gutachten der Universität kenne er indes nicht. „Die Universität hat bisher nicht mit mir gesprochen.“

Der Präsident der Humboldt-Stiftung, Helmut Schwarz, sprach in der „Süddeutschen Zeitung“ vom Dienstag von „schweren Fehlern“ in dem Prüfverfahren und forderte eine Untersuchung durch einen zweiten Gutachter. Es sei „skandalös“, dass die Öffentlichkeit vor der Betroffenen von den Vorwürfen erfahren habe, sagte Schwarz. Der Präsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG), Matthias Kleiner, und der Chef der Helmholtz-Gemeinschaft, Jürgen Mlynek, reagierten mit ähnlichen kritischen Worten. Mlynek zeigte sich verwundert, dass die Arbeit offenbar nur von einem Hochschullehrer geprüft worden sei.

Der frühere DFG-Präsident Wolfgang Frühwald sagte der Zeitung, nach der Veröffentlichung des Gutachtens könnten die Gremien der Universität nun nicht mehr frei entscheiden. „Sie stehen nun unter öffentlichem Druck.“ Zum Inhalt sagte er, „weder der Vorwurf des Plagiats noch der Vorwurf der bewussten Täuschung ist durch die Untersuchung gedeckt“. Vielmehr gehe es um „handwerkliche Fehler“, die nicht so gravierend seien, dass von einem Plagiat gesprochen werden könne.

Martin Morlok, Parteienrechtler an der Düsseldorfer Universität, bezeichnete es im „Kölner Stadt-Anzeiger“ vom Dienstag als „klaren Vertrauensbruch“ und als „äußerst bedauerlich“, dass das Gutachten vor Abschluss des Verfahrens an die Presse gelangt sei. Karl Max Einhäupl, Chef der Berliner Charité und früher Vorsitzender des Wissenschaftsrats, nannte das Verfahren „akademisch unwürdig“. Er sagte weiter, ihm dränge sich der Verdacht auf, für die Universität stehe „eine politische Mission“ im Vordergrund, und „nicht das Motiv der wissenschaftlichen Redlichkeit“.

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Grünen-Chefin Claudia Roth legte Schavan indes den Rücktritt nahe, sollten sich die Plagiatsvorwürfe bestätigen. Dann frage sie sich, wie „ausgerechnet die für Wissenschaft und Forschung zuständige Ministerin ihr Amt noch glaubwürdig ausüben will“, sagte sie dem „Kölner Stadt-Anzeiger“. Angesichts ihrer Vorbildfunktion wiege allein der Verdacht einer wissentlichen Täuschung sehr schwer. Vielen sei zudem Schavans „Fremdschämen“ im Fall Guttenberg noch in Erinnerung. In der Debatte um die Aberkennung des Doktortitels des damaligen Verteidigungsministers Karl Theodor zu Guttenberg (CSU) hatte Schavan gesagt, dass sie sich als Wissenschaftlerin „nicht nur heimlich schäme“ für das, was passiert sei.

Schavan hatte ihre Promotion 1980 eingereicht, ihr Doktorvater war ein Pädagogikprofessor. „Person und Gewissen“ lautete der Titel ihrer Arbeit, in der sich Schavan mit der Gewissensbildung beschäftigt.

Das Uni-Gutachten verfasste jetzt Stefan Rohrbacher, Professor für jüdische Studien und Prodekan der Philosophischen Fakultät. Er kommt zu dem Schluss, Schavans Arbeit weise „das charakteristische Bild einer plagiierenden Vorgehensweise“ auf“. Es sei eine „leitende Täuschungsabsicht“ festzustellen. Rohrbacher spielt eine wichtige Rolle in dem Prüfungsverfahren. Er steht dem Promotionsausschuss vor, der sich zunächst mit der Arbeit befassen wird. Der Ausschuss legt dann dem Fakultätsrat eine Empfehlung vor. Der Fakultätsrat wiederum trifft zum Schluss die Entscheidung, ob Schavan ihr Doktortitel entzogen wird.

Kaum noch objektiv? Wissenschaftler meinen, die Bewertung der Doktorarbeit von Bundesbildungsministerin Annette Schavan lasse sich kaum noch objektiv analysieren, wenn die Öffentlichkeit bereits die Vorwürfe gegen die CDU-Politikerin diskutiere.
Kaum noch objektiv? Wissenschaftler meinen, die Bewertung der Doktorarbeit von Bundesbildungsministerin Annette Schavan lasse sich...Foto: dapd

Die Gremiumsmitglieder dürften sich nicht nur auf dieses eine Gutachten verlassen, lautet jetzt die Kritik. Vielmehr müssten auch Urteile von unabhängigen Experten eingeholt werden, forderte Mlynek. Das sei umso nötiger, weil der Promotionsausschuss nicht ausschließlich mit Fachleuten, sondern „nach Partizipationskriterien“ zusammengesetzt sei. In dem achtköpfigen Ausschuss sitzen Professoren, wissenschaftliche Mitarbeiter und ein Studentenvertreter.

Jan-Hendrik Olbertz, Präsident der Berliner Humboldt-Universität, forderte sogar, das Gutachten müsse verworfen und ein neues erstellt werden. Der Promotionsausschuss und der Fakultätsrat könnten den Bericht kaum noch objektiv analysieren, wenn zuvor bereits die Öffentlichkeit die Ergebnisse diskutiere. Olbertz, als ehemaliger Wissenschaftsminister in Sachsen-Anhalt ein politischer Freund Schavans, bezeichnete es als „widerwärtig“, dass das Gutachten „erst den Medien vorgelegt wird und nicht dem Fakultätsrat und der Betroffenen“: „Hier soll eine erfolgreiche Wissenschaftsministerin politisch und persönlich demontiert werden.“ Der Gutachter hätte persönlich dafür sorgen müssen, dass sein Bericht vertraulich bleibt.

Wie lange sich die Universität für das weitere Verfahren Zeit nimmt, ob und wann Schavan gehört wird und ob es doch noch weitere Gutachten geben wird, war am Montag nicht zu erfahren: Die Universität Düsseldorf wollte sich nicht zu der Kritik äußern. Sie verbreitete nur eine Stellungnahme, in der es hieß, die Philosophische Fakultät befinde sich „im laufenden Verfahren“. Die „zuständigen Organe und Gremien“ hätten „zu keiner Zeit öffentlich Stellungnahmen abgegeben oder sich an Spekulationen beteiligt“ und würden das auch weiterhin nicht tun.

Wie steht die Wissenschaft zu den Plagiatsvorwürfen selbst? Bei dieser Frage halten sich die meisten in der Uni-Szene bedeckt, man wolle den Ergebnissen nicht vorgreifen. So sagte Mlynek, als Physiker stehe es ihm nicht an, über eine geisteswissenschaftliche Arbeit zu urteilen: „Das wäre anmaßend.“ Es stehe allerdings die Frage im Raum, ob man Arbeiten in den Geisteswissenschaften tatsächlich auf „mechanistische Textvergleiche“ reduzieren könne. Schavans Wirken als Ministerin bewerte er positiv, sagte Mlynek. Sie habe sehr viel für die Wissenschaft getan: „Wir haben Grund zur Zufriedenheit.“ (dpa,AFP,dapd)

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