Studie : Klimawandel: Neuer Alarm

Studie zum Gipfel in Kopenhagen: Die Atmosphäre erwärmt sich schneller als vom Weltklimarat gedacht. Die Inhalte des Berichts wirken bedrohlich.

 Ralf Nestler
Klimawandel
Klimawandel: Schmelzende Eisberge und Gletscher lassen die Wasserspiegel ansteigen. -Foto: dpa

Berlin - Der Klimawandel vollzieht sich schneller als bisher erwartet. So ist beispielsweise das arktische Meereis in den vergangenen Sommern ungleich schneller geschmolzen als es die Klimamodelle der Forscher vorhergesagt hatten. Umso dringlicher sei es, den Ausstoß von Treibhausgasen zu reduzieren. Das ist die Kernaussage des „Copenhagen Diagnosis“ genannten Berichts, der am Dienstag vorgestellt worden ist. 26 namhafte Wissenschaftler aus aller Welt haben dafür aktuelle Forschungsergebnisse zusammengefasst, die im jüngsten Sachstandsbericht des Weltklimarats IPCC von 2007 noch nicht enthalten sind.

Viele Neuigkeiten sind in der 64 Seiten starken Broschüre nicht zu erwarten, sie ist vielmehr als Update für die Unterhändler der Klimakonferenz gedacht, die am 7. Dezember in Kopenhagen beginnt. Dementsprechend anschaulich ist die Aufmachung: teils ganzseitige Fotos von abgeholzten Regenwäldern oder einem Eisbären auf einer kleinen Eisscholle, übersichtliche Grafiken, Faktenkästen und auch Frage- Antwort-Spiele (Kann man die Erderwärmung mit wechselnder Sonnenaktivität erklären?), die man in Fachpublikationen vergebens sucht.

Gleichwohl wirken die Inhalte, gerade in der komprimierten Form, bedrohlich. So ist etwa zu lesen, dass in den vergangenen 15 Jahren der Meeresspiegel um mehr als fünf Zentimeter gestiegen sei. Das sind 80 Prozent mehr, als die Klimaforscher im dritten Sachstandsbericht des IPCC von 2001 geschätzt hatten. Durch das Schmelzwasser von Eisschilden und Gebirgsgletschern könnten die Pegel bis zum Ende des Jahrhunderts weltweit um mehr als einen Meter steigen. Ebenfalls gravierender als noch im letzten IPCC-Report beschrieben ist der Rückgang des Meereises rund um den Nordpol. Der Eisverlust in den Sommern 2007 bis 2009 war jeweils rund 40 Prozent größer als der Mittelwert der Simulationsrechnungen.

„Leider zeigen uns diese Daten, dass wir die Klimakrise bislang unterschätzt haben“, sagt Stefan Rahmstorf vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK), einer der Verfasser der „Copenhagen Diagnosis.“ Wie viele seiner Koautoren war er ebenfalls am Entstehen der IPCC-Berichte beteiligt.

Aufgrund der zunehmenden Treibhausgaskonzentrationen in der Atmosphäre folge der globale Temperaturanstieg den Projektionen des IPCC, schreiben die Forscher weiter. Ohne deutliche Verminderung der Emissionen könne die globale Durchschnittstemperatur bis 2100 um bis zu sieben Grad Celsius steigen, warnen sie. Umso dringlicher sei es, den Ausstoß von Kohlendioxid (CO2) so schnell wie möglich einzudämmen.

In dem sogenannten Budgetansatz verfolgen Wissenschaftler wie Hans Joachim Schellnhuber vom PIK oder Nicholas Stern von der London School of Economics das Ziel: Bis 2050 darf die Menschheit nicht mehr als 750 Milliarden Tonnen CO2 in die Atmosphäre bringen. Andernfalls wird die globale Erwärmung sehr wahrscheinlich mehr als zwei Grad Celsius betragen und zu drastischen Veränderungen wie einem rasch steigenden Meerespegel und ungekannten Wetterextremen führen. Um das zu verhindern, müssen die CO2-Emissionen spätestens 2020 ihr Maximum erreichen und anschließend schnell abnehmen, schreiben die Autoren der aktuellen Studie. „Diese Aufgabe duldet keinen Aufschub“, sagt Richard Somerville von der Universität von Kalifornien in San Diego.

Ob die Reduktion der Emissionen allein genügt, um das Zwei-Grad-Ziel zu schaffen, wird von einigen Wissenschaftlern bezweifelt. Denn neben dem Einfluss des Menschen ist auch die natürliche Variation des Klimas weiterhin aktiv. Sie könnte den Effekt des vom Menschen verursachten CO2-Ausstoßes ausgleichen – aber auch verstärken.

In der „Copenhagen Diagnosis“ werden natürliche Einflüsse ebenfalls genannt. Sie seien jedoch weitaus weniger wirksam als die menschlichen Handelns. Die wechselnde Aktivität der Sonne zum Beispiel habe nur etwa ein Zehntel so viel Einfluss auf die Erderwärmung wie der steigende CO2-Ausstoß, schreiben die Autoren.

Andere natürliche Faktoren wie Vulkanausbrüche, die massenhaft Schwefel in die Atmosphäre schleudern und somit zu einer Abkühlung führen können, würden die Temperaturentwicklung nur über wenige Jahre beeinflussen. Der generelle Trend, nach oben, bleibt gleich. So hat seit Beginn der Industrialisierung die globale Mitteltemperatur um fast ein Grad zugenommen.

Der Bericht im Internet:

www.copenhagendiagnosis.org

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