Studie : Rechtsextremismus in Mitte der Gesellschaft verwurzelt

Rechtsextreme Einstellungen sind kein Randphänomen, sondern in der Mitte der Gesellschaft verwurzelt. Zu diesem Schluss kommt eine bundesweite Studie im Auftrag der Friedrich-Ebert-Stiftung.

Berlin - Ausländerfeindlichkeit ist demnach die am weitesten verbreitete rechtsextreme Einstellung: 26,7 Prozent der Befragten aus allen Bevölkerungsschichten, Bundesländern und Wählergruppen stimmten entsprechenden Thesen zu. Mehr als 19 Prozent zeigten sich zudem empfänglich für nationalen Chauvinismus. Ein geschlossenes rechtsextremes Weltbild haben 8,6 Prozent der Deutschen, heißt es in der von Leipziger Wissenschaftlern konzipierten Studie.

Dabei begünstigt ein Gefühl politischer Einflusslosigkeit rechtsextreme Einstellungen stärker als das Gefühl wirtschaftlicher Benachteiligung, fanden die Autoren Elmar Brähler und Oliver Decker von der Uni Leipzig heraus. Auch zeigte sich, dass gerade ältere Menschen rechtsextrem eingestellt sind. Angesichts der meist auf Jugendliche zugeschnittenen Anti-Rechtsextremismus-Programme seien daher "neue Strategien" nötig, mahnten die Forscher.

Mehr als 5000 Deutsche befragt

Für die Studie wurden im Frühjahr mehr als 5000 Deutsche befragt. Dabei gaben neun Prozent an, sie betrachteten die Diktatur als die unter Umständen bessere Staatsform. 15,2 Prozent sehnten sich nach einem "Führer" mit starker Hand, 26 Prozent nach einer einzigen Partei, von der die "Volksgemeinschaft" verkörpert werde. Fast 15 Prozent zeigten sich überzeugt, dass die Deutschen anderen Völkern "von Natur aus überlegen" seien; mehr als zehn Prozent stimmten der These zu, es gebe "wertvolles und unwertes Leben".

Bei Fragen zu Ausländerfeindlichkeit und Antisemitismus stießen die Forscher auf deutliche Unterschiede in Ost und West. So stimmten 43,8 Prozent der Ostdeutschen der Aussage zu, Ausländer kämen nur nach Deutschland, um den Sozialsstaat auszunutzen. In Westen lag die Zustimmung zu dieser These bei 35,2 Prozent. Antisemitische Äußerungen wie "Juden arbeiten mehr als andere Menschen mit üblen Tricks" fanden Zustimmung bei 6,1 Prozent der Ostdeutschen, aber 15,8 Prozent der Westdeutschen. Zurückhaltender zeigten sich die Ostdeutschen auch bei der Verharmlosung des Nationalsozialismus: Gut fünf Prozent der Befragten im Osten zeigten sich überzeugt, die NS-Verbrechen würden in der Geschichtsschreibung "weit übertrieben". Im Westen waren 9,2 Prozent dieser Auffassung.

Arbeitslose besonders empfänglich für rechtsextremes Gedankengut

Der Studie zufolge stimmen Befragte mit hohem Bildungsabschluss rechtsextremen Aussagen seltener zu als die anderen Teilnehmer; auch unterstützen Frauen solche Thesen seltener als Männer. Die größte Zustimmung zu rechtsextremen Einstellungen verzeichneten die Meinungsforscher bei Arbeitslosen, gefolgt von Ruheständlern. Dennoch rekrutiere sich die Gruppe der rechtsextrem Denkenden "aus allen Schichten der Bevölkerung", unterstrich Decker.

Die Untersuchung ergab zudem Anhaltspunkte, dass rechtsextreme Auffassungen auch durch soziale und psychische Faktoren begünstigt werden können - beispielsweise einen "kalten Umgang in der Familie", Angst und das Gefühl der Überforderung. Decker wertete die Ergebnisse als Beleg, "dass Rechtsextremismus kein Problem ist, das alleine durch Ermittlungen des Verfassungsschutzes oder ordnungsrechtliche Regelungen zu lösen ist". Vielmehr sei "jede gesellschaftliche Institution gefragt". Brähler betonte, besondere Aufmerksamkeit erfordere die Ausländerfeindlichkeit als "Einstiegsdroge in den Rechtsradikalismus". (tso/AFP)

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