Stuttgart 21 : Der Widerstand lebt wieder auf

Nachdem die Bahn Artenschutzauflagen nicht erfüllt hat, wächst bei den Bahnhofsgegnern die Hoffnung, dass Verzögerungen ihrer Sache dienen könnten.

Roland Muschel
Foto: dapd
Foto: dapdFoto: dapd

Bruno Baumann steht vor einer Platane und zeigt in die Höhe. „Hohltauben bewohnen die Baumhöhlen, auch der Juchtenkäfer; in den größeren überwintern Fledermäuse“, erklärt er. Baumann kennt sich aus mit Bäumen und mit Tieren, er ist von Beruf Landschaftsgärtner im Stuttgarter Zoo. Auf seiner Jacke und auf dem Hut prangen Sticker. Auf einem ist ein Baum abgebildet, daneben steht: „Den Krieg überlebt – von Gier gefällt?“

Die Platane ist Baum Nummer 2 auf Baumanns Routenplan durch den Stuttgarter Schlossgarten. Seit 2010 bietet der 45-Jährige in seiner Freizeit „Baumführungen“ an: „Das ist mein Beitrag für den Widerstand.“ Baum Nummer 1 ist eine junge Hainbuche, die der Schauspieler Walter Sittler als „Widerstandsbaum“ gepflanzt hat. Es steht nicht gut um das Symbol. Baumann sagt, es sei Opfer eines „Sägeanschlags“. Hinter der Hainbuche stehen Tipi-Zelte, es ist das Lager des harten Kerns der Stuttgart-21-Gegner. „Wir brauchen dringend Geld für neue Zelte, Mahnwachen und Ausstattung“, steht auf einer Schiefertafel.

Der Widerstand gegen Stuttgart 21 war schon abgeschrieben worden, nachdem Ende November beim Volksentscheid selbst in der Landeshauptstadt eine Mehrheit für den unterirdischen Neubau des Hauptbahnhofs stimmte, für den 176 teils alte Bäume im Schlossgarten weichen müssen. Aber er ist weitergegangen, erst deutlich geschwächt wie der „Widerstandsbaum“, nun wieder mit wachsendem Zuspruch – mit „Montagsdemonstrationen“, Mahnwachen, Sitzblockaden, juristischen Klagen. Und demnächst wohl mit dem größten Polizeieinsatz in der Schwabenmetropole seit dem 30. September 2010. Damals hat die Polizei gegen Demonstranten Wasserwerfer eingesetzt. Es gab Verletzte, blutige Bilder, der Tag gilt in Stuttgart seither als „schwarzer Donnerstag“.

So etwas soll sich nicht wiederholen. Das hat sich nicht zuletzt Thomas Züfle vorgenommen, der das Stuttgarter Polizeipräsidium seit Sommer 2011 leitet. „Wir suchen keine Konfrontation, sondern den Ausgleich“, sagt der 56-Jährige. Wasserwerfer hat er keine angefordert, dafür die Antikonfliktteams aufgestockt. Er hat den Einsatz von langer Hand geplant und dann kurzfristig erfahren müssen, dass eine Grundannahme für den Papierkorb war. Denn vorgesehen war, dass der Abriss des Südflügels des Hauptbahnhofs und der Einsatz im benachbarten Schlossgarten, wo die 176 Bäume gefällt oder versetzt werden sollen, möglichst gleichzeitig stattfinden. Erst auf Nachfrage hat er von der Bahn erfahren, dass diese aufgrund noch unerfüllter Artenschutzauflagen für Juchtenkäfer und Fledermäuse noch gar keine Genehmigung für Arbeiten im Schlossgarten hat. Das habe die Polizei „geärgert“, sagt Züfle.

Die Stadt Stuttgart hatte verfügt, dass die Camper spätestens an diesem Donnerstag, 8 Uhr, den Schlossgarten verlassen müssen. Doch nach Eilanträgen von Gegnern des Bahnprojekts und einer gewünschten Fristverlängerung seitens der Stadt ordnete das Verwaltungsgericht am Mittwoch an, dass die Räumung nicht vor dem 23. Januar beginnt. Dazu will die Polizei aber ohnehin erst anrücken, wenn die Bahn eine Baugenehmigung vorlegt. Der Polizeipräsident muss nun doppelt planen: „Im Verlauf der nächsten Tage“ soll der Einsatz am Südflügel beginnen. Zugleich stellt er sich darauf ein, dass die Bahn vielleicht doch noch vor Ende Februar grünes Licht für den Schlossgarten erhält. Alles andere wäre für die Bahn mehr als peinlich und für S-21-Gegner wie Bruno Baumann ein Teilsieg. Denn in der Vegetationszeit von März bis Anfang Oktober darf sie auf keinen Fall an die Bäume ran. Die Folge wären Verzögerungen der Baupläne, die mutmaßlich zu Kostensteigerungen des von der Bahn auf maximal 4,5 Milliarden Euro veranschlagten Projekts führen würden.

Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) übt Kritik an Bahn und Eisenbahn-Bundesamt. Die Landesregierung habe „keinerlei Interesse an irgendwelchen Verzögerungen“, weist er die Verantwortung von sich. Dagegen sehnt Matthias von Herrmann, Sprecher der „Parkschützer“, einen Aufschub herbei. „Ich glaube, wir haben die Bäume in die Sommerpause gerettet“, jubelt der 38-Jährige. Er habe die Hoffnung, dass dann die „wahren Kosten“ auf den Tisch kommen. Auf den Regierungschef ist er nicht mehr gut zu sprechen: „Die Wut der Stuttgart-21- Gegner auf Kretschmann wächst.“ Wohl nicht von ungefähr fordert die Grünen-Landtagsfraktion nun die Bahn auf, mit dem Abriss des Südflügels zu warten, bis die rechtliche Lage im Schlossgarten geklärt ist.

Zwar wollen die „Parkschützer“ zunächst noch einmal im Schlossgarten protestieren, um das Verbot der Stadt zu konterkarieren. Doch dann wird sich der Widerstand auf den Südflügel konzentrieren. Es werde „sicher wieder große Sitzblockaden geben“, sagt von Herrmann, auch wenn am Park und den Bäumen „natürlich mehr Emotionen dranhängen“.

35 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben