Politik : Stuttgart-Bayern 3:0

Unterschwellig haben wir alle gewusst, dass an diesem Tag vielleicht was passieren würde, aber am Ende haben wir doch lieber Fußball geguckt. DFB-Pokal, VfB Stuttgart gegen Bayern München, in Friedenau, tiefstes West-Berlin.

Nach dem Spiel, 3:0 für Stuttgart, waren wir noch Billard spielen, und irgendwie hatten wir so eine komische Ahnung, so etwas gibt es ja. Einer hat gesagt: Wollen wir nicht zur Mauer fahren?

Wir sind erst mal zum nächsten Taxifahrer. Wir haben ihn gefragt, ob er was wüsste, und der Mann hat uns angeblafft: Sagt mal, wo kommt ihr denn her, habt ihr den ganzen Abend verschlafen? Im Taxi sind wir dann gleich weiter zum

Brandenburger Tor. Die ersten Leute waren schon oben auf der Mauer, vielleicht hundert, höchstens. Ich bin ja nun nicht einer der Mutigsten, aber irgendwann hab’ ich mich auch getraut.

Plötzlich ist eine Frau von der Mauer gesprungen, zum Pariser Platz, auf die Ostseite. Wir haben alle einen Riesenschreck bekommen, einer hat gerufen: keine Provokation! Die Frau ist ganz langsam auf das Tor zugegangen, und die Soldaten sind zur Seite gegangen, und sie durfte durch das Tor spazieren, einfach so. Nachdem immer mehr runtergesprungen sind, haben wir uns hinterher gewagt, erst durchs Brandenburger Tor, weiter Unter den Linden bis zum Metropol-Hotel an der Ecke Friedrichstraße. Wir haben im Metropol jeder für sechs Mark West ein Radeberger getrunken und sind dann wieder raus auf die Straße und haben uns auf den Weg gemacht in Richtung Invalidenstraße, weil wir zurück in den Westen wollten. Am Grenzübergang war es so, wie man es tausendmal im Fernsehen gesehen hat. Die Trabi-Kolonnen, die in den Westen wollten, und die West-Berliner, die auf die Autodächer klopften. Ein junges Pärchen hat uns gefragt, wie man denn am besten zum Kurfürstendamm kommen würde. Das geht ganz einfach, hab’ ich gesagt, und noch einfacher ist es, wenn ihr uns einfach mitnehmt.

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