Politik : Südtirol vor der Zeitenwende Der Alleinregierung droht eine Niederlage

Paul Kreiner[Rom]

Die Südtiroler Volkspartei und die bayerische CSU sind sich in vielem ähnlich: in der Ausrichtung, der Machtverliebtheit – und nun wohl auch im Niedergang. Am Sonntag droht in Bozen erstmals der Verlust der absoluten Mehrheit.

Es wird eng um Luis Durnwalder. Und der Südtiroler Landeshauptmann, hadert mit seinem Volk. Da hat er das Land an Etsch und Eisack in unangefochtener Herrschaft der Südtiroler Volkspartei (SVP), zur reichsten Region Italiens gemacht. Die Region ist komplett schuldenfrei, Arbeitslosigkeit praktisch unbekannt. Und doch murrt das Volk gegen seinen „Sonnenkönig“, seinen lebensfrohen „Kaiser Luis“, gegen „Durni“.

Schon bei den italienischen Parlamentswahlen im April ist die SVP zu ihrer eigenen Verblüffung um zehn Punkte abgestürzt. Durnwalder sagt: „Uns ist es nicht gelungen, Wohlstand in Wohlbefinden umzumünzen.“ Und dann kommt ein Satz, der Durnwalders Selbstverständnis als Landeshauptmann wie seinen gekränkten Stolz verrät: „Die Südtiroler glauben, immer mehr fordern zu dürfen. Gewisse Werte sind leider verloren gegangen.“

Doch nicht die Erfolge kreidet man Durnwalder an, sondern seine Selbstherrlichkeit, die Mauschelpolitik, den Klientelismus, das Seilschafts-Denken, mit dem die SVP „ihr“ Südtirol regiert. Die SVP, sagen sie in Bozen, fühle sich geradezu als Verkörperung Südtirols. Der persönliche Knick für Durnwalder datiert vom Frühjahr 2008: Da wurde bekannt, dass der Ministerpräsident dieser 487 000-Einwohner-Region ein um 6000 Euro höheres Monatsgehalt bezieht als Bundeskanzlerin Angela Merkel in Deutschland.

Die SVP steht für ein „deutsches“ Südtirol, will die „deutsche Minderheit“ retten. Deswegen lehnt sie in einer zweisprachigen Region – 330 000 Deutsche, 140 000 Italiener – zweisprachige Schulen ab. Das hat merkwürdige Nebenwirkungen: Wo die deutsche und die italienische Schule aus Vereinfachungsgründen unter einem Dach liegen, gibt es zwei verschiedene Eingänge – einen für deutsche, einen für italienische Kinder.

In der Alltagspolitik gibt sich die SVP unideologisch, pragmatisch – wie die CSU eben. Von den lärmenden Splitterparteien am rechten Rand, die Südtirol immer noch zu Österreich schlagen oder ihm einen „Kosovo-Status“ erhandeln wollen, hält Durnwalder Abstand.

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