Politik : Süßer Wein und saure Winzer

Die Weinbauern freuen sich nur ein bisschen über ihren Jahrhundertwein. Sie fürchten, dass sie ihn billig verkaufen müssen

Jochen Rauch

Winzer, weiß der Volksmund, jammern dreimal im Jahr. Wenn am Stock zu wenig Trauben hängen, wenn die Erntemenge im Herbst wieder einmal zu groß geworden ist und wenn der Mercedes im Frühjahr nicht rechtzeitig geliefert wird. Der Jahrgang 2003 bereichert die Liste um einen weiteren Missstand: Es gab von der Ahr bis nach Baden und von der Mosel bis nach Sachsen so viel Sonne, dass die Winzer im kommenden Jahr mitunter Mühe haben werden, ihren besten Wein nicht in Literflaschen abzufüllen. Mostgewichte von 100 Öchsle und mehr sind der Durchschnitt – ein Wert, der im verregneten Vorjahr nur ausnahmsweise erreicht werden konnte. Weine dieser Qualität werden sonst beinahe als Rarität in 0,7-Liter-Flaschen verkauft. Gewinner des Jahres dürften die Rotweinsorten sein, denen die heiß-trockene Witterung am besten bekam. Manche sprechen bereits jetzt von einem Jahrhundertjahrgang. Alte Winzer raunen von den legendären Jahrgängen 1956 und 1971. Ein Grund für alle zu frohlocken, sollte man meinen.

Dennoch wird gemäkelt. Manche äußern die Befürchtung, die hohe Qualität sei dem Markt nicht teuer genug. Wohl wahr: Außergewöhnliche Preissprünge sind nicht zu erwarten. Zwar haben die Kapriolen der Natur geholfen, dass die Ernte unkompliziert verlief und deshalb extrem wenig gekostet hat. Andererseits sind auf dem hart umkämpften deutschen Weinmarkt Preiserhöhungen einfach kein Thema.

Spannend wird die Lage auf dem Weißweinmarkt. Dort sackte der Anteil am Verkauf im vergangenen Jahr ohnehin um fast neun Prozentpunkte auf knapp 40 Prozent ab. Gefragt waren vom Geschmacksbild zunehmend trockene Gewächse mit sortentypischen Fruchtaromen, die nicht zu alkohollastig ausfielen. Bei den jetzt gelesenen Mostgewichten dürfte das schwer fallen. Außerdem weiß noch keiner, wie stark die Sonne die Weinsäure schon abgebaut hat. Eine Ausnahmeregelung der EU erlaubt jetzt zwar, dem Most natürliche Weinsäure zuzufügen. Wie die sich aber auf die Entwicklung des Weins in der Flasche und die Lagerfähigkeit im Einzelnen auswirkt, das wird erst die Zukunft zeigen.

Wie auch immer, es zählt die Qualität im Glase. Der Weintrinker tut gut daran, erst einmal abzuwarten, was Natur und Kellerkunst aus diesem Jahrgang gemacht haben. Gelassenheit zählt angeblich zu den Tugenden der Weintrinker. Die können sie beim Jahrgang 2003 unter Beweis stellen.

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