SWP-Experte : "Osama ist tot, die Ideologie von Al Qaida lebt weiter"

02.05.2011 13:59 Uhr
Friede sei mit denen, die sich an den Ratschlag halten: Eine der verbrämten Botschaften des Terroristen-Chefs. Wird Osama bin Ladens Mythos überleben nach dem Tod des Al-Qaida-Führers? Foto: dpa
Friede sei mit denen, die sich an den Ratschlag halten: Eine der verbrämten Botschaften des Terroristen-Chefs. Wird Osama bin Ladens Mythos überleben nach dem Tod des... - Foto: dpa

Der Al-Qaida-Experte der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP), Asiem El Difraoui, glaubt, dass der Mythos Bin Laden jetzt noch größer werden könnte.

Herr El Difraoui, ist der Tod von Osama bin Laden ein Rückschlag für Al Qaida oder entpuppt er sich als Vorteil?

Auf der einen Seite ist die Tötung Osama bin Ladens natürlich ein großer symbolischer Erfolg für die USA. Ob es langfristig auch ein Erfolg für den Anti-Terror-Kampf ist, wird sich erst noch zeigen.

Wovon hängt das ab?

Es kommt jetzt darauf an, mit welcher Geschicklichkeit man mit dem Tod bin Ladens umgeht. Denn man darf nicht vergessen: Osama bin Laden war eigentlich lange schon nicht mehr operativ aktiv, aber er ist eine absolute Bild-Ikone. Ein Mythos zu Lebzeiten – und sein Tod könnte diesen Stellenwert noch weiter erhöhen.

Auf der anderen Seite ist seine Aura für Al Qaida schwer ersetzbar. Vor allem dann, wenn der Eindruck entsteht, die Amerikaner würden ohne Respekt mit ihm umgehen. Sollte sein Leichnam tatsächlich wie gemeldet ins Meer geworfen worden sein, wäre das schon der erste Fehler. Denn das ist sehr unislamisch und könnte selbst bei denen Verachtung hervorrufen, die eigentlich keine Freunde bin Ladens sind. Aber ich kann es mir nicht vorstellen.

Wird der Ägypter Ayman Al-Zawahiri nun der neue starke Mann?

Er ist schon in der jüngeren Vergangenheit viel präsenter. Allerdings hat er längst nicht das Charisma eines Osama bin Laden, er ist eher der Intellektuelle. Aber egal wie, klar ist in jedem Fall eines: Osama ist tot, die Ideologie Al Qaidas nicht.

Al-Zawahiri ist Ägypter. Gewinnt Al Qaida damit mehr Einfluss in Nordafrika?

Al-Zawahiri hat heute erstaunlich wenige Zugänge in Ägypten. Und das wird sich vermutlich auch nicht ändern. Al Qaida muss sich jetzt erstmal neu konfigurieren. Sie werden versuchen, sich jetzt zu schützen und neu aufzustellen. An der dezentralen Organisation wird sich nichts ändern. Al Qaida wird weiter autonome "Filialen" haben mit dem historischen Kern im afghanisch-pakistanischen Raum. Ägypten beziehungsweise Nordafrika werden vermutlich nicht die entscheidende Rolle spielen, wichtig wird der Jemen sein. Dort ist Al Qaida mit mehreren hundert Kämpfern vertreten.

Al-Qaida-Experte der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP) Asiem El Difraoui. Foto: promo
Al-Qaida-Experte der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP) Asiem El Difraoui. - Foto: promo

Werden die Amerikaner jetzt mit gleicher Härte Al-Zawahiri verfolgen?

Das haben sie schon die ganze Zeit getan. Ziel war sicher ein Doppelschlag. Aber das führte bisher zu vielen schmerzhaften Niederlagen. Bei einer Aktion gegen Al-Zawahiri kam sogar einmal hochrangige CIA-Agenten in Afghanistan ums Leben, als die Amerikaner versucht hatten, mit einem Agenten zu agieren, der sich dann aber als Al-Qaida-Doppelagent entpuppte. Jetzt werden die Amerikaner versuchen alle Informationen auszuwerten, die sie mit der Aktion bekommen haben. Nur: Die wenigsten Informationen wird bin Laden physisch hinterlassen haben, das meiste hatte er im Kopf.

Gibt es eine schnelle gewalttätige Reaktion von Al Qaida?

Vielleicht von einigen Einzelnen. Aber Al Qaida als Organisation ist geduldig. Da wird langfristig geplant.

Asiem El Difraou ist Al-Qaida-Experte der Stiftung Wissenschaft und Politik. Das Gespräch mit ihm führte Christian Tretbar.

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