Syrien/Türkei : In syrischer Maschine keine Waffen gefunden

Russland: An Bord war ein Radarsystem für die Luftabwehr. Damit wäre die türkische Version widerlegt. Ankara bemüht sich um Entspannung mit Moskau.

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Das von der Türkei zur Landung gezwungene syrische Passagierflugzeug hatte nach Meldung einer russischen Zeitung Teile für das Radarsystem der Luftabwehr Syriens an Bord. Sollte sich das bewahrheiten, wäre die türkische Darstellung des Zwischenfalls teilweise widerlegt. Zudem erhöhten sich die Spannungen zwischen der Türkei und Syrien weiter: Ankara ließ Kampfflugzeuge aufsteigen, nachdem sich ein syrischer Hubschrauber der Grenze genähert hatte.

Entgegen anders lautenden türkischen Aussagen habe sich keine Munition an Bord des Airbus befunden, zitierte die Zeitung „Komersant“ am Freitag ungenannte Gewährsleute in der russischen Waffenexportbranche. Auch sei die in zwölf Kisten verpackte Ladung für die Passagiere ungefährlich gewesen. Laut „Komersant“ halten es russische Behörden für möglich, dass die Türkei von westlichen Geheimdiensten informiert wurde.

Die türkische Regierung wollte sich zu dem Bericht nicht äußern. Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan hatte von „Ausrüstung und Munition“ im Frachtraum der syrischen Maschine gesprochen. Die Ladung sei an das syrische Verteidigungsministerium adressiert gewesen. An diesem Samstag will Bundesaußenminister Guido Westerwelle auf dem Rückweg aus China in Istanbul zwischenlanden und mit seinem türkischen Kollegen Ahmet Davutoglu über die angespannte Lage sprechen. Vor seiner Abreise aus Peking sagte Westerwelle, er werde sich „aus erster Hand schildern lassen, welche genauen Hintergründe die Flugzeuglandung und auch die Konfiszierung von Waren hat“. Gleichzeitig wolle er eine „Eskalationsspirale“ verhindern, die einen „Flächenbrand“ in der gesamten Region auslösen könne.

Ankara bemühte sich unterdessen, den Schaden in den Beziehungen zu Russland zu begrenzen. Erdogan betonte nachdrücklich, die Verschiebung des Türkei-Besuches des russischen Präsidenten Wladimir Putin habe nichts mit dem Streit um das syrische Flugzeug zu tun. Erdogan sagte, er habe schon einige Tage vor dem Zwischenfall mit Putin telefoniert und vereinbart, den Besuch von kommender Woche auf den 3. Dezember zu verlegen.

Ein türkischer Regierungsvertreter sagte dem Tagesspiegel, es gebe keine Anzeichen für eine ernste Verstimmung mit Moskau. Möglicherweise seien die russische Behörden über den Transport nicht informiert gewesen. Russland hat als Energielieferant für die Türkei überragende Bedeutung.

Während sich die türkische Regierung um eine Entspannung mit Russland bemühte, setzte sie gegenüber Syrien weiter auf eine harte Linie. Der Nachrichtenagentur Reuters zufolge löste ein syrischer Kampfhubschrauber, der sich nach Bombardierung eines Dorfes in der Nähe der Grenze dem türkischen Territorium genähert hatte, bei der türkischen Luftwaffe Alarm aus. Eine direkte Konfrontation zwischen der syrischen und der türkischen Armee gab es bei dem Zwischenfall nahe der türkischen Grenzprovinz Hatay aber nicht.

Die Türkei hat seit dem Tod von fünf Zivilisten durch den Einschlag einer syrischen Granate am 3. Oktober laut der Zeitung „Hürriyet“ mindestens 250 Panzer an die syrische Grenze verlegt. Dem Blatt zufolge laufen die Planungen der türkischen Militärs für eine mögliche Intervention beim Nachbarn auf Hochtouren.

In Syrien selbst steigen nach Oppositionsangaben die Verluste bei den Regierungstruppen von Präsident Baschar al Assad. Grund sei die inzwischen bessere Bewaffnung, wie Regimegegner berichteten. So seien bei einem Angriff auf eine Straßensperre in der Provinz Daraa am Freitag 14 Soldaten und sechs Kämpfer der Revolutionsbewegung gefallen. Die Organisation Syrischer Menschenrechtsbeobachter teilte mit, am Vortag seien 92 Soldaten sowie 146 Zivilisten und Rebellen getötet worden. Insgesamt sind seit Ausbruch des Aufstandes gegen Assad im März vergangenen Jahres bisher rund 30 000 Menschen gestorben.

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