Syrien und der IS : Bodentruppen? Wir brauchen Maß und Ziel gegen den Terror!

Wie soll man auf den Terror des IS reagieren? Mit dem Einsatz von Bodentruppen? Ein Pro und Contra. Christoph von Marschall sagt Contra: Oberstes Ziel ist, unsere offenen Gesellschaften zu schützen. Ein Kommentar.

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Französische Kampfjets.
Französische Kampfjets.Foto: dpa

Aus großem Schmerz wird leicht große Wut. Je größer das Verbrechen, desto eindrucksvoller muss die Antwort sein, rumort es jetzt in vielen. Das kann zu Fehlern verleiten. Nicht außergewöhnlich stark, sondern außergewöhnlich klug muss Europa auf den Angriff des IS reagieren. Die Erfahrungen, die die westliche Welt seit 9/11 mit dem Terror und den Versuchen seiner Eindämmung gemacht hat, können dabei helfen.

Die Franzosen und ihre Nachbarn durchleiden, was Amerikaner im September 2001 durchgemacht haben: den Angriff auf das Herz einer Großstadt. Auch die Reflexe sind ähnlich. Man müsse den Angreifer vernichten, ihn dort bekämpfen, wo er seinen Ursprung hat. Also den Kampf gegen den IS in Syrien und im Irak führen – bis hin zu Bodentruppen?

Da ist Vorsicht geboten. Die Bilanz der Einsätze in Afghanistan und im Irak ist nicht überzeugend. Beide sind heute labile Staaten, die dem IS regional Zuflucht bieten. Dies gilt freilich – das ist denen entgegenzuhalten, die behaupten, Interventionen der USA seien die Ursache der Probleme – ebenso für den Jemen und Somalia, wo keine US-Eingriffe der Entwicklung zum „failed state“ vorausgingen. Und für Syrien, wo viele Obama heute das Gegenteil vorwerfen: Er hätte früher und entschiedener eingreifen sollen.

Das Hauptziel? Die Verteidigung der offenen Gesellschaft

Überhaupt ist es ein Kurzschluss, die Vernichtung des IS zum Hauptziel zu erheben. Man muss ihn gewiss bekämpfen, aber doch vor allem, um ihm die Fähigkeit zu Terrorangriffen hier unter uns zu nehmen. Oberstes Ziel ist, unsere offenen Gesellschaften zu schützen. Der Kampf gegen den IS in Syrien und im Irak ist nur eines von mehreren Mitteln. Westliche Bodentruppen würden dem islamischen Widerstand zudem mehr Kämpfer zutreiben. Es ist klüger, auf die innersyrischen und innerirakischen Gegner des IS am Boden zu setzen und sie mit Luftangriffen zu unterstützen. Darunter sind mitunter auch fragwürdige Verbündete. Das ist aber das geringere Übel.

Auch beim Hauptziel, dem Schutz der eigenen Gesellschaften, hat der Westen wertvolle Erfahrungen gesammelt. In den 14 Jahren seit 9/11 ist kein weiterer, von außen geplanter Terrorangriff auf die USA gelungen. Boston ist kein Gegenbeispiel – den Anschlag auf den Marathon verübten zwei Brüder, die dort lebten, ohne Hilfe auswärtiger Verschwörer. Die Prävention der USA stützt sich in erster Linie auf Geheimdienstarbeit und die Überwachung verdächtiger Kommunikation im Internet. Das sollten Bundesregierung und Bundestag bei der Reform des BND bedenken. Ja, es muss eine bessere Kontrolle gegen Missbrauch geben. Die Fähigkeit zur Terrorabwehr muss aber erhalten und wohl noch ausgebaut werden.

Nötig ist auch eine bessere Kooperation der nationalen Sicherheitskräfte in Europa. Das zeigt der Fall des in Bayern gestoppten Montenegriners, der Waffen nach Paris bringen wollte. Und Europa muss die Kontrolle über die Grenzen zurückgewinnen, muss wissen, wer einreist und wer sich wo aufhält. Die Meldung, dass ein Attentäter von Paris womöglich als Flüchtling über Griechenland kam, verdient genaue Prüfung. Doch dies wird wohl kaum die Hauptroute für Terroristen. Auch das lässt sich von den USA lernen. Über ihre Südgrenze zu Mexiko kommen jedes Jahr Hunderttausende unkontrolliert; bisher wählte kein Terrorist diesen Weg. Dennoch: Allzu durchlässige Grenzen sind ein Risiko, das nach Paris niemand mehr eingehen darf.

Frank Jansen bezieht die Gegenposition und sagt: Über die härtestmögliche Maßnahme muss geredet werden. Lesen Sie seine Position hier.

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