Syrien : Wie Sarah sechs Jahre Krieg erlebt hat

Was bedeuten sechs Jahre Krieg für die Syrer? Hier berichtet eine Frau über ihr tristes Leben im Angesicht von Gewalt und Leid. Dennoch gibt es etwas, das ihr Hoffnung macht.

Lebensmittel sind rar und oft unerschwinglich teuer in der Region Ghouta. Die Menschen versuchen deshalb, selbst Gemüse anzubauen.
Lebensmittel sind rar und oft unerschwinglich teuer in der Region Ghouta. Die Menschen versuchen deshalb, selbst Gemüse anzubauen.Foto: Amer MER Almohibany/AFP

Vor genau sechs Jahren begann in Syrien der Aufstand gegen Baschar al Assad. Inzwischen ist daraus der bisher verheerendste Konflikt des 21. Jahrhunderts geworden. Und er dauert schon jetzt länger als der Zweite Weltkrieg. Wie lebt es sich in einem Land, in dem Gewalt, Not und Tod seit mehr als 50.000 Stunden zum mörderischen Alltag gehören? Was macht der Schrecken und die Angst mit den Menschen? Das hat der Tagesspiegel Sarah (die eigentlich anders heißt) aus Ghouta – einer Region nahe Damaskus’, die noch von Rebellen gehalten wird – gefragt. Hier dokumentieren wir ihre Antwort.

Mein Leben ähnelt sehr dem der anderen Menschen in Ghouta: Wir sind in einem großen Gefängnis eingeschlossen.

Unser heutiges tristes Leben begann vor sechs Jahren – mit Toten. Als es die ersten Kundgebungen gab, starben viele Demonstranten. Denn das das Regime wollte sie mit Kugeln verjagen. Die Menschen mit eigenen Augen sterben zu sehen und ihnen nicht helfen zu können, tat sehr weh. Noch schlimmer war es, wenn ein Nachbar oder Verwandter ums Leben kam.

Von da an war alles anders. Wir mussten unsere Häuser verlassen und an Orte flüchten, von denen wir nie gedacht hätten, dass wir dort einmal leben würden. Schulen und Moscheen, voll mit Menschen, die man nicht kennt. Es gab aber keinen anderen Ausweg, denn man floh vor dem Tod und bangte um seine Familie und die Menschen, die man liebt.

Wir haben weitergemacht, als wäre nichts gewesen

Wir hätten es aber nie gewagt, nach Damaskus zu gehen, weil sie dort die Leute wahllos verhaften, insbesondere, wenn man aus Ghouta kommt. Immer wenn sich die Situation für einen kurzen Moment beruhigt hatte, sind wir zu unseren kaputten Häusern zurückgekehrt und haben angefangen, sie wiederaufzubauen. So als wäre nichts gewesen.

Trotz unserer Erschöpfung und Angst vor dem Unbekannten haben wir die Hoffnung auf bessere Zeiten nie aufgeben. Zeiten ohne das Regime. Wir haben diese Hoffnung noch immer, auch sechs Jahre nach Beginn des Aufstands. Doch die Herrschenden haben uns so oft aus unseren Häusern vertrieben, dass es schon fast keine Rolle mehr spielt, ob wir am Leben sind oder sterben. Das Regime hat uns in Ghouta regelrecht eingekerkert, wie in einem großen Gefängnis.

Hunger, der ohnmächtig macht

Das passierte 2013, ohnehin das schlimmste Jahr. Es war schrecklich, früh morgens das Haus zu verlassen und die Menschen auf den Straßen leiden zu sehen, weil sie nichts zu essen hatten, nicht einmal Brot. Die Märkte waren leer, alle Menschen sahen müde aus. Ich bin jeden Morgen deprimiert zur Arbeit gegangen. Manchmal habe ich mein Lachen wiedergefunden, wenn ich unschuldige Kinder glücklich spielen gesehen habe. Doch manche von ihnen sind vor Hunger plötzlich ohnmächtig geworden, und ich konnte ihnen nicht helfen. Das ist einer der schlimmsten Momente, die man erleben kann.

Wenn man nach Hause kam, wartete dort eine karge Mahlzeit. Meist irgendein Gemüse, nur in Wasser und Salz gekocht. Wir haben sogar aus ungenießbaren Dingen wie Viehfutter Brot gebacken, nur um zu überleben. Man aß sehr langsam, damit man sich satt fühlte – wir waren es aber nie. Und man hob sich etwas von dem Wenigen für den nächsten Tag auf, damit man überhaupt die Kraft hat, sich zu bewegen.

So haben wir ein ganzes Jahr verbracht. Viele Menschen sind in dieser Zeit gestorben – entweder, weil sie verhungert sind, keine Medikamente hatten oder Bombenangriffen zum Opfer fielen.

Tunnel gegen die Not

Am Ende dieses elenden Jahres wurden Tunnel gegraben, die Ghouta mit der Hauptstadt Damaskus verbunden haben. Nach langer Zeit hatten wir wieder Nahrung und Medikamente. Das hat uns Leben eingehaucht, und die Hoffnung auf bessere Zeiten wuchs. Trotz der permanenten Bombenangriffe konnten wir lachen - und leben.

Dann wurden die Tunnel zerstört, die Luftschläge verheerender. Es gab mehr Zerstörung und Tote als je zuvor. Am schlimmsten war und ist es, wenn dein eigenes Haus getroffen wird, während du schläfst; dann wachst du durch Krach der Detonation auf und hast Angst, dass ein Mensch, den du liebst, aufgehört hat zu existieren. Wenn das passiert, denkst du: Heute hat es ihn getroffen, morgen trifft es mich.

Auch Brennholz gehört in Ghouta zu den Dingen, die dringend benötigt werden.
Auch Brennholz gehört in Ghouta zu den Dingen, die dringend benötigt werden.Foto: Bassam Khabieh/Reuters

Sich vorzustellen, ein normales Leben zu führen, zu heiraten und Kinder zu bekommen, ist quälend. Und wer ein eigenes Kind hat, bereut es womöglich, es in dieser Hölle zur Welt gebracht zu haben. Weil man um das Leben seines Kindes mehr fürchtet als um sein eigenes. Denn wie kann es vor all dem Bösen beschützt werden? Jeder hat das Recht zu leben und eine Familie zu gründen. Doch den Menschen in Ghouta wird dieses Recht verwehrt!

Der Wunsch nach einem normalen Leben

Wie ist das alles auszuhalten? Das ist eine schwierige Frage, auf die ich eigentlich keine Antwort habe. Ich glaube, von Menschen umgeben zu sein, die man liebt. Und die Tatsache, dass es ihnen immer noch gut geht, hilft mir enorm. Auch das Lachen meiner Tochter und das Funkeln in ihren Augen gibt mir Hoffnung und lässt mich vieles vergessen. Meine Arbeit mit Frauen macht mich ebenfalls glücklich. Denn wir kämpfen gemeinsam dafür, dass wir ein normales Leben führen können.

Ich hoffe sehr, dass dieser Krieg ein Ende findet und wir als Syrer unsere Rechte von Baschar al Assad zurückerobern und unser Land auf der Grundlage einer wahren Demokratie wiederaufbauen können.

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