Syrische Flüchtlinge : An der Grenze

Zwei Millionen Syrer sind infolge des blutigen Bürgerkriegs bereits in die Nachbarländer geflohen – doch die sind mit der Aufnahme der Schutzsuchenden zunehmend überlastet.

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Massenbewegung. Syrische Flüchtlinge warten an einem Grenzpunkt in Duhuk, 430 Kilometer nordwestlich von Bagdad. Foto: dpa
Massenbewegung. Syrische Flüchtlinge warten an einem Grenzpunkt in Duhuk, 430 Kilometer nordwestlich von Bagdad.Foto: dpa

Es sind ungewohnte Worte, die derzeit aus Damaskus zu hören sind. Man wolle die Chemiewaffenbestände offen legen und helfen, diese unschädlich zu machen, heißt es. Zudem zeigt sich Machthaber Baschar al Assad offen für eine mögliche Waffenruhe. Auf diplomatischer Ebene scheint also Bewegung in den blutigen Bürgerkrieg zu kommen. Nur: Für die vom Konflikt betroffenen Menschen hat das bislang keinerlei positive Folgen. Weiterhin verlassen tagtäglich Tausende Syrer ihre Heimat und suchen Zuflucht in den Nachbarstaaten. Sie fliehen, um der anhaltenden Gewalt zu entkommen und weil sie alles verloren haben. Jordanien, die Türkei, der Libanon – das sind bislang die Aufnahmeländer, die mit den Menschenmassen zurechtkommen müssen. Und nun wird offenbar auch der Irak mit dieser Herausforderung konfrontiert.

Seit vor gut einem Monat die Grenzen geöffnet wurden, seien mehr als 60 000 Syrer dorthin geflohen, sagt Tankred Stöbe, Vorstandsvorsitzender von Ärzte ohne Grenzen, im Gespräch mit dem Tagesspiegel. „Das ist die größte Fluchtbewegung, die wir seit dem Beginn des Bürgerkriegs vor zweieinhalb Jahren beobachtet haben.“ Der 44-jährige Internist war gerade vier Wochen lang im irakisch-syrischen Grenzgebiet und hat in einem Zelt 40 bis 70 Patienten pro Tag medizinisch versorgt. Die meisten mussten wegen Erschöpfung und Durchfallerkrankungen behandelt werden.

Es mangelt an allem

Vor allem der letzte Fußmarsch von gut fünf Kilometern durch Wüstengebiet Richtung Irak hat den Schutzsuchenden - unter ihnen viele Schwangere, Frauen mit kleinen Kindern und ältere Menschen - körperlich einiges abverlangt. „Lange Zeit haben sie versucht, in Syrien auszuharren. Sind von einem Ort zum nächsten gezogen bis es nicht mehr ging. Erst dann haben sie die Strapazen auf sich genommen und die Grenze überquert.“ Von den Irakern werden die Syrer offenbar freundlich aufgenommen worden. „Es gibt eine große Hilfsbereitschaft“, sagt Stöbe. Dennoch hätten die Flüchtlinge im Grunde nur einen Wunsch: möglichst rasch in ihre Heimat zurückzukehren.

Das haben sie mit den meisten der inzwischen zwei Millionen Syrer gemeinsam, die über die Grenzen in die Nachbarländer geflohen sind. Was vor allem daran liegt, dass sie ihr jetziges Leben in Lagern oder behelfsmäßigen Unterkünften in den Gemeinden als schwer erträglich empfinden. Kein Wunder. Die Anrainerstaaten sind mit der Aufnahme so vieler Bedürftiger mittlerweile völlig überfordert. Es mangelt an allem, auch an sinnvoller Beschäftigung. Im Libanon zum Beispiel - dort müssen laut der Vereinten Nationen 750 000 Menschen versorgt werden, Schätzungen zufolge sind es sogar 1,2 Millionen - beginnt am Montag das neue Schuljahr.

Aber die öffentlichen Bildungseinrichtungen können die große Zahl syrischer Kinder kaum bewältigen. 300000 Flüchtlinge im schulpflichtigen Alter leben derzeit im Libanon, vor einem Jahr waren es 30000. Deshalb planen nun die UN, zumindest einem Drittel der betreffenden Mädchen und Jungen Plätze in Klassenzimmern zu verschaffen. Nicht zuletzt, weil sie anderenfalls Gefahr liefen, verheiratet oder als Arbeitskräfte ausgebeutet zu werden.

Auch im Land selbst wächst die Not

Ähnlich dramatisch ist die Lage in Jordanien. Offiziell gibt es dort 530 000 Flüchtlinge, regionale Medien berichten von 1,3 Millionen. Fest steht, dass bereits heute jeder zehnte Einwohner im Königreich ein syrischer Flüchtling ist. Die große Zahl der Menschen stellt die ohnehin dürftige öffentliche Infrastruktur vor gewaltige Herausforderungen. Das wirkt sich vor allem auf die Preise für Wohnungen, Wasser und Lebensmittel aus, die stark angestiegen sind.

Aus Sicht der Helfer an Ort und Stelle steht derzeit jedoch das Problem der Unterbringung im Vordergrund. „Die Unterkünfte, in denen die Flüchtlinge hausen müssen, sind oft in einem katastrophalen Zustand“, sagt Vera-Magdalena Voss, die das Büro der Johanniter in der Hauptstadt Amman leitet. Es fehlten Elektrizität, Wasseranschlüsse, Latrinen und Fenster. „Vergangene Woche habe ich eine Wohnung gesehen, in der fünf Familien lebten. Für die insgesamt 31 Menschen standen drei Zimmer zur Verfügung.“

Auch in Syrien selbst wächst nach Einschätzung der Hilfswerke die Not. Mehrere Millionen Menschen seien auf Unterstützung angewiesen. Lebensmittel, Medikamente, Hygieneartikel - der Bedarf sei riesig, berichtet die Welthungerhilfe. Experten gehen davon aus, dass sich die Lage der Bevölkerung nochmals verschärfen könnte. Das liegt nicht zuletzt am bevorstehenden Winter. Schon jetzt sinken in einigen Regionen die Temperaturen, die Niederschläge nehmen zu.

Gerade in den Bergen macht sich das bemerkbar. Denn unzählige Menschen haben ihr Hab und Gut verloren, besitzen oft kein Dach mehr über dem Kopf. Sie brauchen daher dringend Decken sowie Heiz- und Isoliermaterial für ihre notdürftigen Behausungen. Aber nach wie vor können die Helfer nur unter schwierigsten Bedingungen bis zu den Bedürftigen vordringen. Aus einem einfachen Grund: In Syrien herrscht – ungeachtet aller diplomatischen Offensiven und Offerten – Krieg.

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