Szenario der Sicherheitsexperten : Terror Marke Mumbai?

Sicherheitsbehörden skizzieren vier Szenarien möglicher Terror-Anschläge – doch die Lage bleibt diffus. Experten warnen schon lange vor Indien als Vorbild.

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Berlin - Aus dem Wirrwarr der oft mysteriös klingenden Terrorwarnungen und aufgeregter Medienberichte kristallisieren sich vier Anschlagsszenarien heraus, die deutsche Sicherheitsexperten derzeit durchdeklinieren – auch wenn niemand sagen kann, wann was kommt. „Es kann heute passieren, morgen oder im Juli“, äußert ein Fachmann lakonisch. Die Gefahr sei seit Beginn der Propagandaoffensive von Al Qaida und anderen Gruppierungen gegen Deutschland vor der Bundestagswahl 2009 unvermindert hoch. Und er nennt an erster Stelle der befürchteten Szenarien das Stichwort „Mumbai“ (früher Bombay) – das an einen der schrecklichsten Terrorangriffe der vergangenen Dekade erinnert.

In der indischen Hafenstadt hatten pakistanische Terroristen im November 2008 drei Tage lang gewütet. Die mit Schusswaffen und Sprengstoff ausgerüsteten Islamisten nahmen Geiseln und töteten mehr als 170 Menschen. „Vor dem Szenario warnen wir schon lange“, sagt ein Experte, „denn es ist für einen derartigen Angriff keine allzu aufwändige Vorbereitung nötig“. Außerdem haben die Amerikaner den deutschen Sicherheitsbehörden den Hinweis gegeben, ein Anführer der Terrorszene, der Pakistaner Mohammed Ilyas Kashmiri, wolle bis zu 20 Kämpfer in Europa einschleusen, um nach dem Modell Mumbai zuzuschlagen. „Womöglich in Berlin, Paris und London gleichzeitig“, heißt es in Sicherheitskreisen, „das würde zu Al Qaida passen“.

Kashmiri war unter anderem laut einem Bekennervideo von Al Qaida verantwortlich für den Anschlag im Februar 2010 auf das Touristen-Lokal „German Bakery“ in der indischen Stadt Pune (früher Poona). Durch die Explosion einer Rucksackbombe starben 17 Menschen, unter den mehr als 60 Verletzten befand sich eine Deutsche. Die USA und die Vereinten Nationen nennen Kashmiri seit August auf ihrer Liste der „Specially Designated Global Terrorists“, so wie Osama bin Laden. Experten bezweifeln aber, dass es Kashmiri bereits gelungen ist, 20 Terroristen nach Europa zu schicken. Als eher unrealistisch werden auch ausländische Hinweise bezeichnet, es gebe in Deutschland fünf „Schläferzellen“. Doch die Behörden durchleuchten die Szene.

Das zweite Szenario, das Experten für möglich halten, sind Angriffe „auf das Finanz- und Wirtschaftssystem“, zum Beispiel Bankgebäude. Diese Gefahr ergibt sich aus den Angaben zweier deutscher Islamisten, die sich den Heiligen Kriegern im afghanisch-pakistanischen Grenzgebiet angeschlossen hatten. Den Deutschsyrer Rami M. nahmen pakistanische Sicherheitskräfte im Juni fest. Inzwischen sitzt er in einem hessischen Gefängnis ein und redet. Der Deutschafghane Ahmed S. wurde im Juli von den Amerikanern in Kabul erwischt und wird intensiv verhört. Die Aussagen beider Männer stimmen teilweise überein. Demnach hat ihnen ein Al-Qaida-Scheich namens Yunis al Mauretani von geplanten Anschlägen in Europa erzählt. Experten nehmen die Angaben ernst, verweisen aber darauf, dass die beiden Deutschen in der Terrorszene bisher als unbedeutend gelten.

Das dritte Szenario sei eine Wiederholung der Paketbomben aus dem Jemen, sagen Sicherheitskreise.

Besonders gefährlich, weil es ohne jede Warnung aus dem Nichts kommen könne, sei das vierte Szenario – die blitzschnelle Radikalisierung eines jungen Muslims in Deutschland, der dann als „Homegrown Terrorist“ auf eigene Faust zuschlägt. So wie der Kameruner Kevin S., den die Polizei am Freitag in Neunkirchen im Saarland aus dem Verkehr zog. Der 18-Jährige wollte ein verurteiltes Mitglied der Sauerlandgruppe freipressen und drohte in Videos mit Bombenanschlägen. Anleitungen zum Bau von Sprengsätzen hatte sich Kevin S. bereits aus dem Internet verschafft.

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