Taliban : Die Rückkehr der Gotteskrieger

In Afghanistan sterben inzwischen mehr US-Soldaten als im Irak – die Taliban haben sich im benachbarten Pakistan neu formiert.

Christine Möllhoff

Neu-DelhiDie Gotteskrieger sind zurück. Kaum ein Tag vergeht, an dem die Extremisten in Afghanistan nicht Angst und Tod verbreiten. Fast täglich werden Menschen bei Anschlägen zerfetzt, sterben Soldaten bei Gefechten oder in Hinterhalten. Und auch Kabul ist nicht mehr sicher. Gleich mehrfach gelangen den Aufständischen in diesem Jahr blutige Attentate mitten in der Hauptstadt. Am Sonntag griffen Kämpfer der Taliban einen entlegenen Außenposten der US-Armee im Nordosten des Landes an. Neun US-Soldaten wurden dabei getötet. Erstmals kamen in den vergangenen zwei Monaten damit mehr ausländische Soldaten in Afghanistan ums Leben als im Irak.

Wer nach den Ursachen sucht, muss auch über die Grenze schauen: nach Pakistan. Kabul und Washington machen das Nachbarland für das Comeback der Taliban mitverantwortlich. In den unwegsamen Grenzprovinzen unterhalten die Militanten Terrorcamps und Verstecke. Von dort schlagen sie auch in Afghanistan zu. Die Angreifer vom Sonntag kamen offenbar ebenfalls aus dem Nachbarland. US-Geheimdienste berichteten, dass immer mehr ausländische Militante nach Pakistan strömen, um von dort in Afghanistan zu kämpfen.

Bereits seit einiger Zeit wächst in Washington der Unmut über Islamabads laschen Umgang mit Terroristen. Zwar hat Pakistans früherer Militärherrscher Pervez Musharraf versucht, die Extremisten zurückzudrängen. Doch in den Griff bekommen hat er die wilden Provinzen im Grenzgebiet zu Afghanistan nie. Neuerdings scheint Islamabad die Kontrolle vollends zu entgleiten. Seit März regiert eine zivile Regierung unter Führung der Bhutto-Partei PPP. Sie scheut die Kraftprobe mit den Taliban und verhandelt lieber über Friedensverträge.

Auch in Pakistan selbst agieren die Militanten immer dreister. Inzwischen sind sie sogar nach Peshawar eingesickert. Beobachter schließen nicht aus, dass die Grenzstadt in ihre Hände fallen könnte. Peshawar liegt nur rund zwei Stunden Autofahrt von der Hauptstadt Islamabad entfernt. Zwar startete Pakistan Anfang Juli eine Militäroffensive gegen die Taliban in und um Peshawar. Doch diese blieb seltsam halbherzig, so halbherzig, dass pakistanische Medien von „Augenwischerei“ sprachen. Das Militärmanöver habe nur dazu gedient, dem Westen ein forsches Vorgehen vorzugaukeln, hieß es. Tatsächlich hätten die Soldaten die Militanten kaum behelligt. Die Aktion richtete sich vor allem gegen Mangal Bagh, einen früheren Busfahrer, der heute 1000 Milizionäre befehligen soll. Inzwischen hat die Regierung allerdings auch mit ihm einen Friedensvertrag abgeschlossen.

Ohnehin soll Bagh keine große Nummer unter den Taliban sein und gehört auch nicht dem Dachverband Tehreek- e-Taliban von Baitullah Mehsud an. Mehsud gilt nicht nur als möglicher Drahtzieher hinter dem Mord an der pakistanischen Politikerin Benazir Bhutto, sondern auch als mächtigster Taliban-Führer Pakistans. Zeitungen berichteten, die Soldaten hätten es tunlichst vermieden, mit Mehsuds Truppen aneinanderzugeraten. Auch mit ihm verhandelt die Regierung über Frieden.

In westlichen Kreisen fragt man sich, ob Pakistans neue Führung noch zum Antiterrorbündnis mit den USA steht. Washington scheint die Geduld mit Islamabad zu verlieren. Überraschend eilte US-Generalstabschef Admiral Mike Mullen nun nach Pakistan, um den Druck auf die Verantwortlichen zu erhöhen. Die zivile und militärische Führung müsse härter gegen die Taliban vorgehen, schimpfte der oberste Soldat der USA und fällte ein vernichtendes Urteil. „Die Grenze ist heute durchlässiger als vor einem Jahr.“

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