Politik : Tatort ohne Opfer

Im brandenburgischen Jamlitz wird ein Massengrab jüdischer KZ-Häftlinge vermutet – nur wo?

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Das Massengrab ermordeter Juden im südbrandenburgischen Jamlitz (Landkreis Dahme-Spreewald) konnte nicht gefunden werden. Das ist das Ergebnis von zweiwöchigen Grabungen, die in der vergangenen Woche in Jamlitz beendet wurden. Gesucht wurde nach den Überresten von 753 Menschen; sie stammten überwiegend aus Polen und Ungarn und waren Häftlinge des Lagers Lieberose, einem Außenlager des KZ Sachsenhausen. Bei der unentdeckten Grabstelle handelt es sich um das vermutlich größte Massengrab jüdischer NS-Opfer außerhalb der KZ-Hauptlager.

Anfang Juni hatte der Innenminister des Landes Brandenburg, Rainer Speer, noch einmal betont, dass es eine Verpflichtung gegenüber den Opfern und ihren Angehörigen gebe, hier Gewissheit zu schaffen. Im Innenministerium zeigt man sich nun enttäuscht darüber, dass das nicht gelungen ist. Auch der Historiker Günter Morsch, auf dessen Gutachten sich die Suchgrabungen stützen, bedauert, dass die Toten nicht gefunden werden konnten. Davon, dass die Suche ergebnislos gewesen sei, könne aber keine Rede sein, so Morsch gegenüber dem Tagesspiegel: „Wir können jetzt mit Sicherheit sagen, dass die untersuchte Fläche einer der Orte des Massakers war.“ Dieses Ergebnis ist auch für Peter Fischer, Referent für Gedenkstätten beim Zentralrat der Juden, von großer Bedeutung: „Bei allem Bedauern, dass wir die Toten nicht gefunden haben, darf nicht übersehen werden, dass es endlich eine Untersuchung des Tatorts gegeben hat.“ Für Juden, erklärte Fischer, sei dieser Tatort ein sakraler Ort.

Die Morde geschahen im Februar 1945. Die Todesmärsche hatten begonnen, das Lager Lieberose wurde geräumt. In zwei Aktionen wurden Häftlinge, die nicht gehfähig waren, erschossen. Es waren mehr als 1300 Männer und Frauen, die der SS zum Opfer fielen. Ein Teil dieser Toten wurde schon zu DDR-Zeiten gefunden. Im Jahr 1958 stieß man bei einer Kiesgrube bei Staakow auf zwölf Gebeine, im Mai 1971 fanden Bauarbeiter dort schließlich 577 Tote. Es war das größte Massengrab aus der NS-Zeit, das jemals in der DDR entdeckt wurde. Der Historiker Andreas Weigelt, der selbst aus Lieberose stammt, erinnert sich: Mit einer roten Nelke in der Hand stand er als junger Pionier im Ehrenspalier, als die Gedenkstätte eingerichtet wurde. Damals fand er, ein achtjähriger Junge, noch nichts dabei, dass man die Überreste dieser Menschen eingeäschert hatte – eine Feuerbestattung entgegen dem jüdischen Ritus. Es spielte keine Rolle, dass es sich bei den Opfern um Juden handelte: „Sie wurden als antifaschistische Widerstandskämpfer gefeiert, für Propagandazwecke vereinnahmt.“ Auch was Weigelt schließlich bei seinen Forschungsarbeiten herausfand, ist ungeheuerlich: Das Zahngold der Toten wurde damals sichergestellt, mehr als ein Kilo. Bis heute weiß niemand, wo es geblieben ist. Die Spur verliert sich in der Stasi-Finanzbehörde. Erst im vergangenen Sommer wurde in der ehemaligen Kiesgrube bei Staakow ein jüdischer Friedhof geweiht und die sterblichen Überreste von KZ-Häftlingen, die von der DDR-Staatssicherheit eingelagert worden waren, bestattet.

Wo die anderen 753 Ermordeten vergraben waren, interessierte jahrelang niemanden. Erst 1997 begann die systematische Suche nach ihrem Grab. Die Staatsanwaltschaft nahm Ermittlungen zu den Morden auf, nach Zeugen wurden gesucht. Rund zwanzig Areale wurden in den letzten zehn Jahren durchsucht, insgesamt etwa 200 000 Quadratmeter. Im Mai 2009 konnte endlich eine Hauptverdachtsfläche überprüft werden, den Grabungen war ein jahrelanger Rechtsstreit vorausgegangen. Der Eigentümer des Grundstücks hatte mit Hinweis auf das Grundrecht der Unverletzlichkeit der Wohnung den Zutritt verweigert. Das Land scheiterte in mehreren Instanzen und kaufte dem Eigentümer die Fläche schließlich ab, um die Grabungen zu ermöglichen. Immerhin konnte hier der Standort einer Krankenbaracke von den Historikern exakt lokalisiert werden.

Nach dem Gräbergesetz sind Bund und Länder verpflichtet, Gräber der Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft festzustellen und den Toten eine würdige Grabstätte zu schaffen. Darüber, was das Land Brandenburg dafür noch tun kann, muss jetzt beraten werden. Am Montag wird im Innenministerium zu dieser Frage eine Kommission beraten, der auch Vertreter des Zentralrats der Juden angehören. Günter Morsch will die Hoffnung jedenfalls noch nicht aufgeben: „Wir werden damit leben müssen, dass wir irgendwann zufällig auf das Grab stoßen.“ Bei allen Massengräbern, die in Brandenburg gefunden wurden, sei das so gewesen.

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