Politik : Tausende Tote durch Hochwasser in Nordkorea befürchtet

Verlässliche Informationen sind Mangelware / Doch Hilfslieferungen aus dem Ausland / Militärisches Drohpotenzial wird ausgebaut

Harald Maass[Peking]

Während das Regime in Nordkorea dem Ausland mit Raketentests droht, leidet das Volk unter den Folgen von verheerenden Hochwassern. Ganze Landstriche seien durch Stürme und sintflutartige Regenfälle in den vergangenen Wochen zerstört worden, berichten Hilfsorganisationen. Die südkoreanische Organisation „Gute Freunde“, die über gute Kontakte nach Nordkorea verfügt, rechnet mit bis zu 10 000 Toten und Vermissten.

Verlässliche Informationen über die Situation in Nordkorea, das sich wie kein anderes Land von der Außenwelt isoliert, sind schwer zu bekommen. Nordkoreas Staatsmedien berichteten nur knapp und mit einigen Tagen Verspätung über die Flutkatastrophe, ohne dabei Opferzahlen zu nennen. Westliche Hilfsorganisationen konnten bislang nur rund 300 Tote und Vermisste bestätigen.

Das Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen (WFP) schätzt, das mindestens 60 000 Menschen durch die Unwetter obdachlos geworden seien. Erst nach tagelangem Zögern erklärte sich das Regime bereit, Hilfe aus dem Ausland anzunehmen. Im staatlichen nordkoreanischen Fernsehen hieß es, mehrere Städte bekämen derzeit Hilfen aus verschiedenen Teilen der Welt, wie die südkoreanische Nachrichtenagentur Yonhap berichtete. Angebote des WFP und des südkoreanischen Roten Kreuzes, Hilfslieferungen nach Nordkorea zu schicken, hatte Pjöngjang noch Mitte der Woche abgelehnt. „Das WFP wurde von der Regierung informiert, dass sie mit dem Problem selbst umgehen kann“, sagte damals ein Sprecher der UN-Organisation.

Beobachter fürchten, dass die Unwetter die ohnehin angespannte Versorgungslage in Nordkorea weiter verschärfen und es zu Hungersnöten kommen könnte. Die Kartoffelernte und möglicherweise auch Teile der Reisernte seien zerstört, heißt es beim WFP. Bei einer schweren Hungersnot Mitte der 90er Jahre waren Schätzungen zufolge 2,5 Millionen Menschen in Nordkorea gestorben – ein Zehntel der Gesamtbevölkerung. Das WFP schätzt, dass dem Land dieses Jahr eine Million Tonnen Reis und Lebensmittel fehlen.

Bisher hatte Südkorea den Norden mit Hilfslieferungen unterstützt. Nach Pjöngjangs jüngsten Raketentests lehnte Seoul jedoch die Lieferung von 500 000 Tonnen Reis ab. Offenbar will auch Peking den Druck auf das Regime erhöhen. Unbestätigten Berichten zufolge soll auch China seine Lieferungen an Getreide und Öl an den Nachbarn gedrosselt haben. Chinesische Banken froren mehrere nordkoreanische Konten ein – ein Vorgang, der zwischen den einstigen Kriegsverbündeten früher undenkbar gewesen wäre.

Nordkoreas Diktator Kim Jong Il hatte am 5. Juli trotz internationaler Proteste sieben Testraketen abgefeuert. Darunter war auch der Prototyp einer Taepodong-2-Langstreckenrakete, die nach Ansicht von Experten eine Reichweite von bis zu 4000 Kilometern hat und Ziele in den USA erreichen könnte. Einem Bericht eines südkoreanischen Think-Tanks zufolge soll Pjöngjang bei der Entwicklung der Raketentechnik mit dem Iran kooperiert haben. Die USA, China, Russland, Südkorea und Japan versuchten in den vergangenen Wochen vergeblich, Nordkorea zu einer Rückkehr zu den Sechs-Nationen-Gesprächen zu bewegen, bei denen es auch um Nordkoreas umstrittenes Atomprogramm geht.

Der in Nordkorea stets als „Lieber Führer“ titulierte Kim Jong Il äußerte sich bisher nicht öffentlich zu den Hochwassern. Stattdessen schrieb er ein Telegramm an Fidel Castro, in dem er dem erkrankten kubanischen Staatschef „aufrichtig“ eine baldige Genesung wünschte.

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