Terror in Bombay : Wie haben die Menschen die Anschläge erlebt?

Die indische Wirtschaftsmetropole Bombay steht nach den Anschlägen unter Schock. Augenzeugen berichten.

Christine Möllhoff (Neu-Delhi)[Andrea Röder (Bombay)]

Auch zwei Tage nach Beginn der Terrorserie scheint Bombay, die sonst so pulsierende Metropole, noch immer wie gelähmt. Die meisten Bewohner halten sich in ihren Wohnungen auf und verfolgen fassungslos die ununterbrochene Berichterstattung im indischen Fernsehen. Die Straßen innerhalb der Gefahrenzone im Süden der Stadt sind leer gefegt. Wo sich sonst hupende Autokarawanen und geschäftige Menschenmassen ihren Weg durch das Finanz- und Touristenviertel bahnen, beherrschen vor allem Einsatzwagen und Schaulustige das Bild. Die Gegend um die drei andauernden Krisenherde Taj Hotel, Oberoi Hotel und das jündische Nariman-Haus ist weiträumig abgeriegelt. Lediglich Journalisten können passieren, alle anderen werden von Schutzpolizisten in leuchtend blauen Uniformen zurück gedrängt.

Noch den ganzen Tag hat die Schlacht Bombays gegen den Terror angedauert. Bis in die Abendstunden halten die Kämpfe im historischen Taj Mahal Hotel, dem Wahrzeichen Bombays und dem Symbol von Indiens Nationalstolz, an. Immer wieder erschüttern Explosionen das 105 Jahre alte Gebäude, liefern sich die Terroristen Schusswechsel mit der Polizei. Reporter werfen sich auf die Straße, um den Kugeln zu entgehen. Sie sprechen liegend in die Kameras.

Die Zahlen der Hotelgäste, die sich in den Zimmern des Taj oder Oberoi verschanzt haben, variieren im Laufe des Tages beinahe stündlich. Gleiches gilt für Angaben über gerettete, verletzte oder tote Geiseln. Die seltenen Auftritte ranghoher Politiker und Einsatzleiter werden mit verzweifelt hoffnungsvoller Anspannung erwartet.

Wer sich insbesondere unter den wohlhabenden Einheimischen umhört, erfährt von etlichen Schicksalen im unmittelbaren Bekanntenkreis. „Das Ehepaar, das unter uns wohnt, ist gestern nicht nach Hause gekommen“, berichtet eine Frau, die im noblen Viertel Malabar Hill lebt. Sie kämpft mit den Tränen. „Vorhin wurde bestätigt, dass beide im Oberoi erschossen wurden.“
Hotels wie das Taj und Oberoi und die darin befindlichen Fünf-Sterne-Restaurants zählen zu den Top-Adressen der Stadt. Neben der indischen Oberschicht verkehren hier vor allem ausländische Besucher. Dass die Anschläge jedoch, wie in westlichen Medien häufig berichtet, gezielt gegen Touristen gerichtet seien, wird vor Ort mitunter stark bezweifelt. Das Auswärtige Amt hat eine Reisewarnung für Indien ausgegeben. Dennoch erklärt Benjamin M., der beim Anschlag auf das Café Leopold – eines der knapp ein Dutzend Terrorziele vom Donnerstagabend – verletzt wurde: „Ich fühle mich als Deutscher in meiner Sicherheit nicht bedroht.“
Vor anderthalb Monaten war der 26-Jährige von seiner Firma nach Indien entsandt worden, um hier in den kommenden drei Jahren ein Außenbüro aufzubauen. Am Mittwochabend hatte er sich mit einem Bekannten in dem seit 1871 bestehenden und bei Ausländern beliebten Café Leopold zum Abendessen getroffen. „Wir wollten gerade die Rechnung bezahlen, als neben uns die Bombe hochging.“ Nur einen Meter von ihm entfernt war der Sprengsatz explodiert und riss ihn zu Boden. Aus dem unmittelbar folgenden Kugelhagel konnte er sich gemeinsam mit anderen gerade noch durch einen Seitenausgang ins Freie retten. Andere Café-Besucher hatten nicht so viel Glück, von mindestens sieben Toten habe man ihm später berichtet. „Der 26. November ist mein zweiter Geburtstag“, sagt Benjamin M. nach seiner Rettung.

„Alle rannten vom Leopold in Richtung des Taj Hotels, und irgendwie sagte mir mein Bauch, dass das keine gute Idee ist“, erzählt Benjamin M. Stattdessen schleppte er sich in eine Seitenstraße und fand Unterschlupf bei einer indischen Familie. „Diese Leute waren so hilfsbereit, sie holten sogar eine Flasche für mich aus einem Geschäft, obwohl es draußen so gefährlich war.“ Über die Notrufnummer des deutschen Konsulats war kurz darauf weitere Hilfe herbeigeeilt, Benjamin M. wurde in Sicherheit gebracht.
An eine verfrühte Heimreise denkt der junge Deutsche trotz der traumatischen Erfahrungen nicht. „Bombay ist eine tolle, faszinierende und freundliche Stadt, und ich werde bestimmt bleiben.“ Dieser Tenor ist von etlichen Deutschen vor Ort zu vernehmen, die in Bombay eine Heimat gefunden haben und nun gemeinsam mit ihren indischen Nachbarn auf ein baldiges und verlässliches Ende der Auseinandersetzungen hoffen.

Der Brite Mark Abell hat zwei Nächte und einen Tag in seinem Hotelzimmer ausgeharrt. Immer in der Angst, dass die Terroristen ihn entdecken. Nicht wissend, ob er das Hotel jemals lebend verlassen wird. Umgeben von „Explosionen, Schüssen und Schreien“, erzählt er Reportern. Sein Handy war die einzige Verbindung zur Außenwelt. Für ihn und die anderen Eingeschlossene ging der Terror-Alptraum von Bombay nun zu Ende. Eliteeinheiten konnten sie am Freitag aus dem Luxushotel Trident Oberoi befreien. Für andere kam die Rettung zu spät. In dem Hotel wurden insgesamt 24 Tote gefunden.

Nach der Räumung des Taj Mahal schildern Augenzeugen grauenvolle Szenen. Der Marmorboden der Lobby sei voller Blutlachen gewesen. „Wir haben das Licht ausgeschaltet und uns mit Küchenmesser und Hackbeilen bewaffnet“, erzählt der Südafrikaner Faisul Nagel, der sich mit anderen in eine Restaurantküche geflüchtet hatte. Etwa 30 Leichen sollen im Taj Mahal sein.

Einen tragischen Ausgang nahm offenbar auch das Geiseldrama im jüdischen Nariman-Haus. Am Abend kamen nach ersten Berichten fünf jüdische Geiseln, darunter auch ein aus Israel stammender Rabbi und seine Frau, ums Leben, als Elite-Einheiten das Gebäude stürmten. Zwei Terroristen wurden getötet.



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