Terror in Nigeria : Der Nährboden Gottes

Nigeria ist ein zerrissenes Land. Trotz des Ölreichtums herrscht bittere Armut. Das macht es religiösen Fundamentalisten leicht, ihre Lehren zu verbreiten. Mit Anschlägen sät die islamistische Terrorsekte Boko Haram weitere Zwietracht

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Zerstörtes Wohnviertel von Christen am Stadtrand von Jos.
Zerstörtes Wohnviertel von Christen am Stadtrand von Jos.Foto: Andy Spyra

Auf dem Tenniscourt vergisst der Priester die Toten. Den verbrannten Körper, der ohne Kopf vor seiner Kirche liegt, den leblosen Jungen an der Einfahrtsschranke, umringt von Schreienden. Father Peter geht vier Mal in der Woche auf den Sandplatz, 120 Kilo, Diabetiker, starke Vorhand. „Sport hilft, um damit klarzukommen“, sagt er, und als hätte er etwas vergessen, fügt er hinzu: „und mein Glaube.“

Es ist Sonntagfrüh, die Messe in Jos gerade vorbei. Der Priester tritt in makellos weißer Soutane aus dem Schatten der St.-Finbarr’s-Kirche, die Sonne ist stechend. Schweißperlen bilden sich auf dem fast kahl rasierten Schädel, kullern in die Nackenfalten.

Hier in der Millionenstadt in der Grenzregion zwischen dem muslimischen Norden und dem christlichen Süden Nigerias sind die Gottesdienste immer gut besucht. Father Peter verabschiedet noch ein Brautpaar mit Handschlag und bleibt vor einem rostigen Gerippe stehen: einem Haufen Blech, einem Steuer, dazwischen Steine und ein Damenschuh, die eine grausame Geschichte haben.

Sie haben all das mit Absicht liegen lassen, die ausgebrannten Reste eines silbernen Opel Vectra. Der Wagen hat großes Unglück über die katholische Gemeinde gebracht.

Im Kofferraum des Autos befand sich ein mit Sprengstoff gefüllter Gaszylinder, der vor knapp einem Jahr, am 11. März 2012, vor der Kirche explodierte. Zehn Menschen riss die Bombe in den Tod, Gottesdienstbesucher, Wachpersonal und die vier Mörder, einer davon war als Frau verkleidet, um unverdächtiger zu erscheinen. Sie verbrannten. Ihre lodernden Körper wurden von aufgebrachten Jugendlichen mit Steinen beworfen. So groß war der Hass, so unbändig die Wut.

Anschlag auf dem Kirchhof. Father Peter in Jos vor dem Metallklumpen, der einmal ein Auto war, bevor es explodierte.
Anschlag auf dem Kirchhof. Father Peter in Jos vor dem Metallklumpen, der einmal ein Auto war, bevor es explodierte.Foto: Andy Spyra

„Da irgendwo“, der Priester deutet auf das verbogene Steuer, „ist das Vorhängeschloss, mit dem der Fahrer angekettet war.“ Father Peter beugt sich tief über das Wrack. „Keiner hatte eine Chance – weder die noch wir.“

Es war ein Anschlag der Terrorgruppe Boko Haram, der Name bedeutet so viel wie „Westliche Erziehung ist Sünde“. Ihre Mitglieder verstehen sich als Diener des Propheten. Allein im vergangenen Jahr sollen sie 800 Menschen getötet haben.

Es ist ein unsichtbarer Feind, sagen sie hier über die Sekte, die als kleine Gruppe radikaler Salafisten mit einer Koranschule begonnen hat und ein großes Ziel verfolgt: die Gründung eines islamischen Gottesstaates im Norden Nigerias. Als ihr Anführer, der eloquente Prediger Mohammed Yusuf, 2009 in Polizeigewahrsam erschossen wurde, fing das Morden erst richtig an. Fast jede Woche attackiert die Sekte oder eine ihrer Abspaltungen Polizeistationen, Moscheen und Kirchen. Es werden Ausländer entführt, und eben erst entkam der Emir von Kano, der zweitgrößten Stadt in Nigeria, knapp einem Anschlag.

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