Terrorismus : Lockerbie und kein Ende

Der freigelassene Lockerbie-Attentäter will nun ein Buch schreiben – und in den USA kursieren inzwischen Boykottaufrufe für schottischen Whisky.

Matthias Thibaut[London]

Der freigelassene Lockerbie-Bomber Abdulbaset Ali al-Megrahi will in einer Autobiografie seine Unschuld beweisen, während Amerikaner aus Empörung über den Gnadenakt zum Boykott von schottischem Whisky und BP-Tankstellen aufrufen. „Das Geld, das ihr dort ausgebt, endet in den Taschen derer, die im UK für diese Travestie verantwortlich sind“, heißt es auf dem Website boycottscotland.com. „Für jedes seiner 270 Opfer saß Megrahi weniger als zwei Wochen im Gefängnis“, protestierte der frühere UN-Botschafter der USA, John Bolton.

Vor allem die Jubelszenen bei der Heimkehr Megrahis haben die diplomatische Verstimmung zwischen London und Washington geschürt und die Briten zusätzlicher Kritik ausgesetzt. Der schottische Justizminister beschuldigte die libyische Regierung gestern in einer Dringlichkeitsdebatte im Parlament, Versprechen gebrochen zu haben. „Der Empfang zeigte weder Mitleid noch Empfinden für die Angehörigen der Opfer“. Auch der Britische Regierungssprecher kritisierte den Empfang Megrahis als „durch und durch geschmacklos“. Premier Gordon Brown hatte am Rande des G8-Treffens schon im Juli in Italien mit Gaddafi eindringlich die Notwendigkeit erörtert, eine „triumphalische“ Rückkehr Megrahis zu vermeiden. Gleichzeitig betonte die Regierung auch, Brown habe mit der Freilassung nichts zu tun gehabt.

Die Britische Öffentlichkeit will aber wissen, ob hinter der Freilassung die unabhängige schottischen Justiz oder Motive der Außenpolitik stehen, für die London zuständig ist. „Es war allein meine Entscheidung“, versicherte Der schottische Justizminister Kenny MacAskill dem Parlament in Edinburgh, das zu der Sitzung aus den Ferien zurückgerufen worden war. „Die Gesetze Schottlands, nicht politische, diplomatische oder wirtschaftliche Überlegungen“ seien alleinige Basis seiner Entscheidung gewesen.

Amerikaner sind anderer Ansicht. „Es war ganz offensichtlich eine politische Entscheidung“ konstatierte US-Admiral Mike Mullen, Chef des gemeinsamen Stabes. FBI-Chef Robert Mueller beschuldigte Großbritannien, mit der Freilassung den Terrorismus zu fördern – eine Angriff, den schottische Spitzenpolitiker als „völlig daneben“ zurückwiesen.

Westliche Regierungen, auch die USA, hoffen insgeheim vielleicht, mit Megrahis Freilassung werde Gras über das Lockerbie-Attentat vom Dezember 1988 wachsen, bei dem in einer PanAm-Maschine 270 Menschen starben. Doch das will der unheilbar an Krebs erkrankte Megrahi mit seinem Buch verhindern. Sein Buch werde neue Informationen über die wahren Hintergründe vorlegen, kündigte Abdurrhman Swessi, der Gesandte Oberst Gaddafis in Schottland. Nicht nur Megrahi, auch Libyen will nicht länger zum Sündenbock für das Attentat gestempelt werden.

Premier Brown steht unter Druck, sein eisernes Schweigen zu brechen. Die Entscheidung sei Sache der schottischen Regierung gewesen, da wäre es falsch, mit einer Stellungnahme einzugreifen, erklärte die Downing Street. Doch der Liberaldemokratische Parteichef Nick Clegg nannte Browns Schweigen „absurd und schädlich“, wo Großbritannien „im Zentrum eines internationalen Sturmes“ stehe. Torychef David Cameron sprach von einem „feigen Schweigen“. Das britische Königshaus sagte wegen der Kontroverse eine geplante Reise von Prinz Andrew nach Libyen ab. Der Prinz hat sich bereits mehrfach als Handelsbotschafter dort aufgehalten.

Drei Fragen sollen die politischen Hintergründe der Freilassung erleuchten, blieben aber auch am Montag unbeantwortet: Wurde Megrahi bei Verhandlungen über Öl- und Gaslieferungen erwähnt, wie Libyens Präsident Gaddafi und sein Sohn Saif behaupteten? Warum dankte Gaddafi dem Britischen Premier und sogar der Queen für ihre „Ermutigung“ Schottlands zur Freilassung Megrahis – und warum hat Megrahi sein Berufungsverfahren zurückgezogen, wenn ihm so am Beweis seiner Unschuld liegt?

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