Terrorismus : Sorge um die verlorenen Söhne

Saudi-Arabien setzt bei Guantanamo-Rückkehrern auf Geld und Umerziehung. Ihnen sollen nicht Aufgaben übertragen werden, die sie in die Gesellschaft einbinden. Auch religiös werden sie geschult.

Andrea Nüsse[Kairo]
Guantanamo
Geld und religiöse Schulung sollen Rückkehrer aus Guantanamo in Saudi-Arabien wieder auf den rechten Weg bringen. -Foto: AFP

Der muslimische Fastenmonat Ramadan ist am Wochenende mit dem Al-Fitr-Fest zu Ende gegangen – eine Gelegenheit für viele Gläubige, durch Almosen ihre Solidarität mit Schwächeren zu demonstrieren. Die saudische Regierung nutzt diese Gelegenheit zu einer Geste, die ihren „verlorenen Söhnen“ die Rückkehr in die Gesellschaft erleichtern soll. So zahlte Innenminister Prinz Nayef bin Abdul Aziz jedem der 55 saudischen Männer, die in dem amerikanischen Gefängnis Guantanamo auf Kuba festgehalten wurden und jetzt in saudischen Gefängnissen sitzen, umgerechnet 2700 Dollar zum Fest. Dies berichtete die saudische Tageszeitung „Okaz“. Die Männer, die teilweise in Afghanistan oder Irak gekämpft haben, wurden bereits am Dienstag vorübergehend freigelassen, um den hohen muslimischen Feiertag mit ihren Familien zu verbringen. Jeweils zwei Angehörige mussten schriftlich garantieren, dass die Männer nach dem Hafturlaub ins Gefängnis zurückkehren. Dort wird geprüft, ob sie nach saudischem Recht Verbrechen begangen haben. Vor allem aber werden sie einer Umerziehung unterzogen, die aus einer Mischung aus religiöser Unterweisung, Sport und Wiedereingliederungshilfen besteht. Selbst bei der Suche nach einer geeigneten Ehefrau will der Staat helfen, die Kosten der Hochzeit – einschließlich der Möbel für den neuen Haushalt – sollen übernommen werden, berichtete „Okaz“ weiter.

Dieses Vorgehen ist typisch für den Umgang des saudischen Regimes mit politischen Oppositionellen und Abtrünnigen. So hatte Riad lange den offenen Bruch mit Al-Qaida-Führer Osama bin Laden gescheut. Stattdessen hatte man immer wieder hochrangige Emissäre wie den ehemaligen Geheimdienstchef Prinz Turki al-Faisal zu bin Laden geschickt, um ihn an die engen Verbindungen seiner Familie zum saudischen Königshaus zu erinnern. Und ihn auf diese Weise zum Einlenken zu bewegen. Die Aberkennung der Staatsbürgerschaft, zu der sich das Regime schließlich entschloss, war eine ausgesprochen harte Maßnahme in einer Gesellschaft, die extrem konfliktscheu ist und auf Konsens setzt. Auch eher linke Kritiker des Königshauses, die im westlichen Exil den Politik- und Führungsstil der Saudi-Familie offen angriffen, wurden in der Vergangenheit mit offenen Armen wieder in der Heimat empfangen und mit interessanten Posten eingebunden.

Doch die Behörden setzen bei den Guantanamo-Rückkehrern ebenso wie bei ehemaligen Al-Qaida-Mitgliedern und -Sympathisanten nicht allein auf finanzielle Hilfen. Ein Schwerpunkt der Wiedereingliederungsprogramme ist religiöse Unterweisung, in der staatliche Geistliche über die in der Scharia niedergelegten Vorschriften aufklären. Außerdem gibt es eine psychologische Betreuung. Die Häftlinge haben darüber hinaus viele Sportmöglichkeiten und berufliche Trainingsprogramme. Die Programme wurden seit 2004 vom Innenministerium in Kooperation mit dem Ministerium für Islamische Angelegenheiten entwickelt. Nach offiziellen Angaben vom Januar 2007 wurde bisher keiner der Kandidaten, der nach Tests aus diesen Programmen entlassen wurde, rückfällig. „Ihre Ideologie hat sich geändert, und sie sind überzeugt davon, dass sie sich geirrt haben“, wird der Sprecher des Innenministeriums, Mansur al Turki, zitiert. Insgesamt haben die USA bisher 93 saudische Häftlinge aus Guantanamo in ihre Heimat entlassen. Weitere 37 Saudis werden weiterhin festgehalten.

Um die politische Radikalisierung junger Saudis durch extremistische Prediger und deren Rechtsgutachten (Fatwas) zu unterbinden, hat die höchste religiöse Institution des Landes eine eigene Fatwa-Website eröffnet. Die Website gibt die offizielle Islamauslegung wieder, die allerdings extrem konservativ ist. So sind dort auch die Gutachten des ehemaligen Muftis Scheich Abdul Aziz bin Baz zu finden, der 1991 das Fahrverbot für Frauen religiös begründete. Auf der Website können Fragen an die Mitglieder des Rates der höchsten islamischen Geistlichen gestellt werden. Der jetzige Mufti, Scheich Abdel Aziz al-Scheich, erklärte in der vergangenen Woche, ein „Dschihad“, der nicht von den offiziellen religiösen Autoritäten abgesegnet sei, werde als „Verletzung des islamischen Rechts“ betrachtet. Allerdings können die Behörden damit nicht den Vorwurf vieler Dschihadisten ausräumen, die religiösen Institutionen unterstützten politisch zu sehr die Linie des Regimes, dem die Nähe zu den USA, Verschwendung und teilweise unislamischer Lebensstil vorgeworfen werden.

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