Theologe Kampling über den Attentäter : "Man will sein wie Gott"

Der Attentäter von Oslo erweckt mit seinem Manifest den Eindruck, er sei ein christlicher Fundamentalist. Papst und Kirche macht er dafür verantwortlich, dass christliche Werte zunehmend verloren gingen. Rainer Kampling, Professor für Biblische Theologie an der FU Berlin, stellt diese Selbstdarstellung in Abrede.

Bei Anders Behring Breivik, der zu seinem Hintergrund auch die Tradition der Templerorden zählt, handle es sich „wohl in Wirklichkeit um einen geistig Verwirrten, der einfach verschiedene Aspekte vereint und den man überhaupt keiner Gruppe zuordnen kann“. Der Täter sei ganz offensichtlich gewillt gewesen, bewusst zu töten. Der Theologe sieht Breiviks Ansichten in der Tradition eines puren Kulturchristentums – „Christentum wird nicht als Religion oder als Glaubensweise wahrgenommen, sondern als Kulturform“, sagt Kampling. Das sei durchaus verbreitet. „Aber das macht jemanden natürlich noch längst nicht zum Massenmörder.“ Das Grundproblem jedes religiösen Radikalismus sieht Kampling darin, „dass er grundsätzlich das, was er verteidigen will, bestreitet. Man glaubt, man müsse die Sache Gottes tun. Damit sagt man aber zugleich, dass Gott nicht seine eigene Sache tun kann. Also in dem Akt des Handelns für Gott entmächtigt man ihn.“ Dies sei, theologisch betrachtet, „die klassische Sünde des Paradieses: Man will sein wie Gott.“ Es sei immer wieder erstaunlich, dass alle Radikalen, die sich religiös geben, nicht an Gott glaubten, jedenfalls nicht so, wie es die Religion lehre.

Kampling empfiehlt genau hinzusehen, ob nicht der Wunsch, Gewalt auszuüben, vor der Begründung komme. „Es gibt ja Schätzungen von Kriminologen, dass 20 Prozent der gewaltbereiten Neonazis in Wirklichkeit nur Gewalt wollten und meinen, sie könnten mit dem ideologischen Hintergrund ihre Gewaltbereitschaft kaschieren. Das sollte man nicht unterschätzen, das sind tickende Zeitbomben.“ Der Theologe will nicht ausschließen, dass das Massaker das Verhältnis zwischen Christentum und Islam belasten könnte. Zwar habe Norwegen selbst „eine erstaunlich demokratische Antwort gegeben. Das kann ja ermutigen.“ Auf der anderen Seite aber gebe es immer auch eine Interdependenz des Fundamentalismus. „Die einen Fundamentalisten brauchen die anderen.“ (sc)

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