Politik : Therapie fürs System

Medikamente sind oft zu teuer, kritisiert der Chef des Instituts für Qualität im Gesundheitswesen

Jürgen Zurheide[Köln]

Nein, angerufen hat ihn niemand. „Die interessieren sich nicht wirklich für Qualität“, antwortet Peter Sawicki auf die Fragen, ob er in den vergangenen Tagen besonders intensiv mit Berlin telefoniert habe, wo die verantwortlichen Politiker über die Gesundheitsreform verhandelt hatten. „Das steht nicht im Mittelpunkt“, fügt Sawicki hinzu.

250 Milliarden Euro werden jedes Jahr im bundesdeutschen Gesundheitssystem ausgegeben, aber die Frage nach der Qualität und dem Sinn von Behandlungsmethoden oder Medikamenten werde oft nicht gestellt. Sawicki und seine 60 festangestellten Mitarbeiter im Kölner „Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen“ liefern fast täglich Belege dafür, wie die Pharmaindustrie Milliardengeschäfte zu Lasten des Systems macht. Vor Kurzem meldete Sawicki wieder einen besonders schweren Fall nach Berlin. Im lukrativen Insulinmarkt hatten die Unternehmen es geschafft, sich mit neuen – rund 30 Prozent teureren – Präparaten einen erheblichen Marktanteil zu verschaffen; den sogenannten Insulinanaloga. Diabetes zählt zu den Kostentreibern im öffentlichen Gesundheitswesen. Sieben Millionen Betroffene verursachen in Deutschland gegenwärtig knapp 30 Milliarden an Kosten. Experten sagen voraus, dass es in zehn Jahren mehr als elf Millionen Patienten sein werden, die dann mehr als 50 Milliarden für ihre überwiegend medikamentös geführte Therapie benötigen werden. Sawicki erhielt deshalb den Auftrag, unterschiedliche Medikamente und Methoden zu überprüfen.

Sein Institut wurde vor zwei Jahren gegründet, weil die damalige rot-grüne Koalition erkannt hatte, dass eine unabhängige Instanz fehlt, die den Nutzen von Innovationen bewerte. „Wir schauen uns dann die Sachen an und fragen nach Untersuchungen“, sagt Sawicki. Das Institut forscht nicht selbst, es zwingt die Hersteller von Medikamenten, ihre eigenen, bis dahin nicht veröffentlichten Studien vorzulegen. Dabei stoßen Sawicki und seine Mitarbeiter immer wieder auf überraschende Erkenntnisse: „Es gibt Medikamente, die nutzen, andere haben keinen Nutzen und dann bleibt eine dritte Gruppe, da wissen wir nicht, ob die Medikamente helfen.“ Was hilft, wird zugelassen, dann bezahlen die Krankenkassen die Therapie.

Schwierig wird es, wenn die Kölner Forscher nichts finden, was den höheren Preis rechtfertigt; wie bei den Insulinanaloga. „Dann muss der Gemeinsame Bundesausschuss entscheiden“, sagt Sawicki. Dieser Ausschuss trifft sich in Berlin, in ihm sitzen Kassen, Ärzte und Krankenhäuser. Im Fall von Insulinanaloga haben sie erstmals gezeigt, dass Sawickis Arbeit tatsächlich etwas bewirkt: Am 18. Juli wurde entschieden, dass die Kassen den Aufpreis für diese Medikamente nicht mehr bezahlen müssen. Früher wären solche Präparate durchgegangen, urteilt Sawicki zufrieden. Sicher konnte er nicht sein, ob der Ausschuss so entscheidet, denn die Lobbyarbeit der Industrie war beträchtlich; man habe unter anderem versucht, seine wissenschaftliche Qualität infrage zu stellen, sagt er.

„Das ist nur die Spitze des Eisberges“, ist Sawicki überzeugt. Vor Kurzem hat sein Institut „Clodipogrel“ untersucht, ein Medikament, das Blut flüssiger macht. Auch hier ist man zu dem Ergebnis gekommen, dass der höhere Preis im Vergleich in ganz wenigen Fällen medizinisch zu rechtfertigen sei. „Wir müssten uns viel mehr Gedanken über die Qualität im Gesundheitssystem machen“, verlangt Sawicki und hat dabei nicht nur die Kosten im Blick.

Vor Kurzem erst habe sich herausgestellt, wie gefährlich sogenannte „Goldstents“ – Stützen für Herzkranzgefäße – sind. Diese wurden überwiegend bei wohlhabenden Privatpatienten eingesetzt. Per Zufall kam heraus, dass deren Todesrate nach der entsprechenden Operation wesentlich höher ist als bei Patienten mit klassischen Stahlstents. „Diese Erkenntnis haben wir Kardiologen aus Barcelona zu verdanken“, sagt Sawicki und verlangt, dass man solche Methoden immer unabhängig und wissenschaftlich untersuchen sollte. Aber „zu oft will niemand etwas wissen“, klagt er.

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