Politik : Titelverteidigerin Herausforderer

Angela Merkel hat mancherlei Talente;

Schauspielerei gehört nicht dazu. Am 19. Oktober 2012 sinkt die Bundeskanzlerin immer tiefer in den Bundeskanzlerinnensessel im Bundestag. Merkel wirkt mürrisch. Doch sie traut sich nicht, zur Ablenkung das Handy rauszunehmen. Am

Rednerpult verdammt gerade ihr Herausforderer ihre Euro-Rettungspolitik halbwegs in Grund und Boden – zu spät, zu halbherzig, zu teuer. Merkel

ist der Gedanke sichtlich unangenehm, dass sie

jetzt fast ein Jahr lang gegen ihren einstigen

Lieblingssozi wahlkämpfen soll. Und sie hat drei Wochen nach dessen Nominierung noch keine Idee, wie sie ihn nehmen soll. Steinbrück ist

der Gedanke in Wahrheit aber auch nicht ganz

geheuer. Dass Merkel die Euro-Krise zu zögerlich angegangen sei, davon ist er ehrlich überzeugt. Trotzdem hält er ihren Kurs in diesem Punkt im

Großen und Ganzen für ziemlich richtig.

Inzwischen hat sich das Problem zumindest aus Merkels Sicht deutlich entspannt. Steinbrück und seine SPD sind seit Monaten derart mit sich selbst beschäftigt, dass die CDU-Chefin die

Gegnerbeobachtung auf die Zeitungslektüre

beschränken kann. Als Merkels Hauptproblem erweist sich im Moment nicht der politische Gegner, sondern die womöglich allzu große Selbstverständlichkeit, mit der alle ihren Sieg erwarten. Wenn sie sich etwas wünschen könnte, stünde eine zweite Amtszeit mit Peer Steinbrück als Minister übrigens vermutlich recht weit oben. Aber der will ja nicht.

Trotzdem ist die nächste große Koalition, dann eben ohne Steinbrück, eine der realistischeren

Perspektiven für die vier Jahre nach dem 22. September. Aber Merkel hat ihre Partei mit großer

Konsequenz auch für praktisch jede andere Koalitionsoption geöffnet, die sich rechnerisch ergeben könnte. Das hat viel Kraft gekostet, vor allem

ihre Gegner, für die die CDU in all den Jahren und

Jahrzehnten vorher ideologische Stütze, ja Heimat war. Merkel war in der DDR nie ganz zu Hause und ist es in der Rest-West-CDU der älteren Männer bis heute auch nicht. Die kurze stürmische Phase des Leipziger Reformprogramms, die die CDU umkrempeln sollte und 2005 fast in ein Wahldebakel mündete, liegt unendlich weit zurück. Merkel weiß immer noch sehr gut, dass der Export-Vizeweltmeister Deutschland viel zu tun hat, um auch nur seine Position in der Welt zu halten. Aber sie hat für sich den Schluss gezogen, dass es nicht klug ist, diese Deutschen mit Klartext zu sehr aufzuschrecken.

Der Absturz beginnt kurz nach der holprigen

Einsetzung des Kandidaten. Nicht ein Parteitag, sondern die drei Spitzengenossen – Parteichef

Sigmar  Gabriel, Fraktionschef Frank-Walter

Steinmeier und Peer Steinbrück selbst – haben sich am Ende verständigt. „Peer macht’s“, lautet die Devise, und für Steinbrück ist es wie immer.

Er hat nicht offen für ein Amt gekämpft, er war da und offenkundig der Beste. So war es immer,

er wurde immer gerufen. Und er ist immer

gekommen. Warum also nicht auch dieses Mal? Steinbrück sieht die Sache optimistisch.

Deshalb ist es für ihn besonders schmerzhaft, dass die gleichen Medien, die ihn oft und gern für seinen zum Markenzeichen gewordenen „Klartext“ bejubelten, nun jeden Satz auf mögliche

Differenzen mit der Partei sezieren und ihn ob

seiner erheblichen Honorareinkünfte plötzlich als gierig geißeln. In dieser Phase reagiert er trotzig bis uneinsichtig, selbst jene, die ihn ausgerufen haben, zweifeln plötzlich, ob sie angesichts seiner Dünnhäutigkeit die richtige Wahl getroffen haben.

Das Kapitel „Peer und die SPD“ wird um weitere Episoden bereichert, selbst mit der ungeliebten Generalsekretärin Andrea Nahles muss er jetzt

im Wahlkampf zusammenarbeiten; was in dem

Machtdreieck mit Sigmar Gabriel dann besser

gelingt, als Steinbrück und Nahles je geglaubt

hätten. Zuletzt aber gab es offene Differenzen,

Gabriel ist eigenwillig, Steinbrück sah sich zu

offenen Worten über Loyalität veranlasst.

Es bleibt die Frage: Warum? Die Antwort des Kandidaten: „Ich möchte dieses Land gestalten und nicht nur verwalten wie die Machttechnikerin

Merkel.“ Er hat nicht mehr viel Zeit, die Menschen davon zu überzeugen, dass das gelingen könnte.

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