Politik : Tod der zwanzig Bahn-Reisenden war kein "unseliges Unglück"

MARTIN GEHLEN

General Wesley Clark sprach von einem "unseligen Unglück".Gemeint war der Beschuß eines serbischen Personenzuges, der am Montag just während eines NATO-Angriffes eine Eisenbahnbrücke nahe der Stadt Grdelicka Klisura, 280 Kilometer südlich von Belgrad, überquerte.Mindestens 20 Insassen kamen ums Leben, rund 40 Menschen erlitten Verletzungen.Von dem Zug auf der eingleisigen Strecke blieb nur ein rauchender Trümmerhaufen."Das ist eines der bedauernswerten Dinge, die in einer Operation wie dieser geschehen", fügte der General, NATO-Oberbefehlshaber in Europa, tags darauf beim täglichen Journalisten-Briefing in Brüssel hinzu.Es war das dritte Mal, daß die NATO-Militärs seit Beginn des Kosovo-Krieges einräumten, vermutlich Zivil-Personen getroffen zu haben.

Nach Angaben Clarks haben Pilot und Co-Pilot der NATO-Maschine, die vom italienischen Stützpunkt Aviano gestartet war, erst in letzter Sekunde auf ihrem Computerbildschirm im Cockpit eine Bewegung auf der Brücke erkannt.Doch da war der Auslöser bereits gedrückt."Nachdem die Bombe programmiert und abgeschossen ist, läßt sie sich nicht mehr korrigieren oder vom Ziel weglenken", erläutert Oberst Frank Palis, Sprecher des Vorsitzenden des NATO-Militärausschusses, General Klaus Naumann.

Obwohl der Besatzung gemerkt hatte, daß sie nicht den Brückepfeiler, sondern einen Zug getroffen hatten, setzte der Pilot seinen Angriff fort."Sein Auftrag war, die Brücke zu zerstören", heißt es bei der NATO, "und die Crew war überzeugt, sie müsse diesen Auftrag ausführen".Das Flugzeug zog binnen weniger als einer Minute eine Schleife und der Co-Pilot nahm das andere Ende der Brücke ins Visier.Zu diesem Zeitpunkt war das Bauwerk durch den ersten Treffer bereits in dichten Qualm gehüllt, gleichzeitig war der getroffene Zug bis zu dem gegenüberliegenden Pfeiler vorgerollt, als ihn die zweite lasergelenkte NATO-Bombe traf.

Daß die beiden Piloten nach diesem Zwischenfall vorerst vom Kriegseinsatz suspendiert werden, ein solcher Gedanke sei abwegig, erklärt man im NATO-Hauptquartier.Jeder Pilot werde für seinen Einsatz vorbereitet, bekomme die genauen Informationen für seinen Auftrag, sei Flugzeug werde startklar gemacht.Nachdem er auf den Fliegerhorst zurückgekehrt sei, folgten gewisse Ruhepausen, bevor der nächste Flugzyklus beginne.Träten nach einem Waffeneinsatz seelische Probleme auf, würden dies der Fliegerarzt und seine direkten Vorgesetzten "sicherlich berücksichtigen".Bei der Frage, aus welchem NATO-Staat die Besatzung kam, dazu hüllen sich die Sprecher der Allianz in Schweigen.In solchen Fällen gebe man nie die Nationalität bekannt, heißt es.Nur soviel ringt man sich ab: "Die Besatzung ist geknickt, dies war nicht ihre Absicht." Frank Salis allerdings erklärt, er könne "ausschließen, daß die Piloten Deutsche waren." Denn deutsche Kampfflugzeuge, die einen solchen Angriff fliegen könnten, seien über Jugoslawien nicht im Einsatz.

Nach Angaben von General Clark starteten NATO-Kampfflugzeuge in den vergangenen drei Wochen rund 6000 Mal gegen Jugoslawien.Nur gut ein Viertel der Einsätze waren Bombenangriffe.Drei Viertel der Flüge dienten der Aufklärung oder dem Auftanken der Kampfjets.Die Zahl der Flugzeuge erhöhte die NATO von ursprünglich 400 auf 550.Die Zahl der Angriffsmaschinen wurde von 120 auf 250 mehr als verdoppelt.

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