Politik : Todesstrafe: Ist sie wirklich unmenschlich? Wer nach ihr ruft, folgt einem Instinkt

Gerhard Mauz

Sie wollen über die Todesstrafe nichts mehr lesen, hören und sehen? Trotzdem, bitte, ein letztes Mal.

Der Gouverneur von Texas, George W. Bush junior, mag bis zur Präsidentenwahl in jeder oder in jeder zweiten Woche ein Todesurteil unterschreiben. Und jede Unterschrift wird gemeldet und kommentiert werden, zustimmend oder empört.

Doch kein amerikanischer Kandidat, ob er nun Präsident, Senator, Gouverneur oder Abgeordneter werden möchte, hat die Chance gewählt zu werden, wenn er nicht für die Todesstrafe eintritt. Daran wird auch dieses US-Wahljahr nichts ändern.

Ich verstehe, dass viele Menschen über die Todesstrafe nichts mehr lesen, hören und sehen wollen. Sie ist für ihre Anhänger und auch für jene, die gegen sie sind, ein Thema, das offenbar nicht zu bewältigen ist, über das es zu keinem Gespräch kommt.

Wer sich prüft, wer sich streng prüft, wird entdecken, dass seine Überzeugung wanken kann, es dürfe nicht das alttestamentarische "Auge um Auge" gelten. Ein Sexualtäter bringt ein Kind um, nachdem er es missbraucht hat. Eine Geisel, eine junge Frau, wird getötet, nachdem sie tagelang mit dem Tod bedroht wurde. Ausländer fallen Brandstiftung zum Opfer, werden erschlagen, zu Tode getreten, erstochen oder in den Tod gehetzt.

Für jeden Menschen gibt es Gewalttaten, die ihn spüren lassen, warum Menschen darauf bestehen, dass Gewalt mit Gewalt beantwortet, dass eine entsetzliche Tat mit einer entsetzlichen Strafe geahndet wird. Für jeden gibt es eine Tat, die ihn überfordern kann: Für den einen ist es das Kind, für den anderen die junge Frau, für viele sind es die Ausländer. Für jeden gibt es Opfer, die ihn ein Bedürfnis nach Vergeltung, nach Rache spüren lassen.

Und wenn man selbst getroffen wird: Wenn es das eigene Kind ist, das ein betrunkener Autofahrer tötet oder so verletzt, dass es für den Rest des Lebens an den Folgen zu tragen hat ...

Machen wir uns nichts vor. Halten wir es nicht für selbstverständlich, dass die Beschreibung des staatlichen Tötungsakts die engagierten oder die schweigenden Befürworter des Hinrichtens innehalten lässt, sie entsetzt oder nachdenklich macht.

Und selbst jene, die gegen die Todesstrafe sind, bestehen - jedenfalls viele - auf harten Strafen, auf einem Lebenslang ("das aber wirklich lebenslang sein muss!"), auf neuen Gesetzen für immer neue Tatbestände, auf höheren Strafen. Denn kaum einer kann sich völlig von der Illusion befreien, dass gnadenlose Strafe mögliche Täter abschreckt.

Ende der fünfziger, Anfang der sechziger Jahre ist in der Bundesrepublik ernsthaft von Ausschüssen geprüft worden, ob es nicht nötig sei, die Todesstrafe wieder einzuführen. Rechtsgelehrte, die man namhaft zu nennen hat, traten für die Todesstrafe ein. Sie sprachen davon, dass unser System des Strafens ohne die Krönung, die Speerspitze der Todesstrafe, gefährdet sei, ausbluten und sich auflösen werde. Es wurde darum gerungen, wenigstens für bestimmte Taten, für die Tötung von Polizisten und Kindern die Todesstrafe wieder zuzulassen.

Nicht die Unmenschlichkeit steht hinter dem Bedürfnis nach Vergeltung, dem Wunsch danach, dass dem Täter zugefügt werde, was er einem anderen angetan hat. Sie wird von denen gefordert, die nur im unerbittlichen Strafen etwas sehen können, was ihnen die Angst erträglich macht, die ihnen das Leben einflößt. Und diese Angst ist uralt. Von 1500 bis 1750 wurden in Deutschland etwa 300 000 Menschen als Hexen verbrannt.

Wir werden nicht ins Gespräch über die Todesstrafe kommen, wenn wir nicht auf die Gewalt verzichten. Das Gespräch beginnt im Alltäglichen, im Umgang miteinander.

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