Transparenz im digitalen Zeitalter : Wir User sind nackt und ohne Scham

Die Daten von rund 500 Millionen Yahoo-Nutzern wurden gestohlen. Wieder zeigt sich: Es gibt keine Geheimnisse mehr - und keine Privatsphäre. Macht uns das zynisch? Oder sogar tolerant? Ein Kommentar

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Fünfzehn Nackte posieren, bis zur Hüfte im Sand eingegraben, vor zwei Wochen am Ufer des Toten Meers in Israel. Der US-Fotograf Spencer Tunick hat die Freiwilligen fotografiert, um auf das Verschwinden des salzhaltigsten Sees der Welt aufmerksam zu machen.
Fünfzehn Nackte posieren, bis zur Hüfte im Sand eingegraben, vor zwei Wochen am Ufer des Toten Meers in Israel. Der US-Fotograf...Foto: Spencer Tunick/dpa

Wie nackt sind wir? Daten von rund 500 Millionen Yahoo-Nutzern wurden gestohlen. Das Netzwerk des Deutschen Bundestages wurde gehackt. Das Email-Konto von Hillary Clinton auch. Telefonate werden abgehört (Victoria Nuland: „Fuck the EU“). Vertraulich? Privat? Das war einmal.

Streitthemen sind Seismografen, sie dienen als Selbstvergewisserung. In den vergangenen vier Jahrzehnten kreiste das Gros der Debatten in Deutschland um die vier Großthemen Geschichte, Status, Moral und Transparenz. Manchmal überlappten sie sich, manchmal folgten sie aufeinander. Es begann mit Historikerstreit, Holocaust-Mahnmal, Goldhagen-Kontroverse, Bubis-Walser. Also: Wie böse waren wir (und sind es noch)? Das mündete in Wiedervereinigung, Berliner Republik, neue Souveränität. Wie stark sind wir? Dann kam die Bioethik mit DNA-Entschlüsselung, embryonaler Stammzellforschung, Sterbehilfe, Präimplantationsdiagnostik. Wie allmächtig wollen wir sein?

Heute nun: Wie nackt sind wir? Es geht um Big Brother, Big Data, Facebook, Twitter, Google, NSA, Wikileaks, die Panamapapers, Onlinepetitionen, Plagiate, Steuerhinterziehung. Das Grundgefühl heißt: Es gibt keine Geheimnisse mehr, alles kommt heraus. Ohne Google keine Plagiatsenthüllung. Ohne Edward Snowden keine NSA-Affäre. Ohne Steuer-CDs keine Aufdeckungswelle. Ohne „whistleblower“ keine Panamapapers und kein Wikileaks.

Macht wird entzaubert, Autorität trivialisiert

Soziale Netzwerke schließlich schaffen eine oft schroff auf die Enthüllungen reagierende Öffentlichkeit. Potenziell steht jeder nackt da, kein Feigenblatt kann ihn schützen. Begriffe wie Diskretion, Privatsphäre, Persönlichkeitsrecht verlieren an Substanz. Macht wird entzaubert, Autorität trivialisiert. Traditionell knüpft sich eine bestimmte Art von Autorität auch an den Nimbus der Makellosigkeit. Eltern-Kind, Lehrer-Schüler, Geistlicher-Glaubender, Vorgesetzter-Untergebener, Politiker-Bürger: Wer die Macht hat, muss sie sich erworben und verdient haben durch ein Quäntchen mehr als Können. Dieses unausgesprochene Mehr verschwindet gerade. Macht wird profan.

Was geschieht durch die Entzauberung von Macht? „Vielleicht bewirkt unsere neue Öffentlichkeit, dass wir mitfühlender und versöhnlicher miteinander umgehen und mit den Irrtümern und Schwächen öffentlicher Personen ebenfalls“, schreibt (und hofft) der Harvard-Philosoph David Weinberger. Gut möglich, dass in zwanzig Jahren niemand mehr Kanzler werden kann, ohne dass von dem Kandidaten kompromittierende Dokumente existieren – ob Fotos, Tweets oder Facebook-Einträge. Jedes Handy ist eine Kamera, die in allen Lebenslagen benutzt werden kann. Immer mehr Privates wird öffentlich.

Befördert das wirklich die Toleranz? Wo Makel und Laster und fortwährend ins Rampenlicht gezerrt werden, lauert auch die Gefahr des Zynismus. Wer zu schwach zum Vergeben ist, sucht sein Heil in der Verurteilung des allzu Menschlichen.
Die Monopole der Geheimhaltung sind geknackt, die Grenzen der Intimität eingerissen worden. Was die einen als Entlarvung und Aufklärung feiern, bedauern die anderen als Pranger und Burnout der Seele. Der oberste Europäer, Jean-Claude Juncker, soll ein Alkoholproblem haben, schreibt der „Spiegel“. Das Liebesleben des französischen Präsidenten beschäftigt nicht nur den Boulevard. Das jüngste Gerücht wird zum aktuellsten Gericht.

Immer rascher entladen sich die Empörungsgewitter

Kein Anwalt kann das verhindern. Immer rascher entladen sich die Empörungsgewitter. Dabei erklärt sich die Härte des öffentlichen Urteils nicht allein durch die Hoffnung, die Menschen besser machen zu können. Die digitale Welt entpuppt sich auch als Herrschaft einer schreienden, amorphen Masse, die per Mausklick den Daumen nach oben oder unten senkt.

Es ist verständlich, sich nach der alten, analogen Welt zurückzusehnen. Doch die ist untergegangen. Wir werden uns mit Big Data, illegal entwendeten USB-Sticks, gehackten Email-Accounts und Onlinepetitionen arrangieren müssen. Die Beschwörung von Persönlichkeitsrechten wiederum ersetzt nicht deren Neudefinition im digitalen Raum. Was ein Mensch von sich gibt, kann er kaum noch kontrollieren. Verschlüsselungen werden entschlüsselt, Codes geknackt. Über die entsprechende Technik verfügen viele, ob Geheimdienste, Unternehmen, Hacker.

Wo aber bleibt das Recht auf Privatsphäre? Nicht alles, was ein Mensch von sich gibt, wird von diesem Recht geschützt. Das Zwiegespräch auf einem Marktplatz etwa, mitgehört von zufällig Anwesenden, ist halböffentlich. Ausschlaggebend ist die Verfasstheit des Kommunikationsraumes. Wenn vertrauliche Kommunikation auf digitalem Wege nicht mehr garantiert werden kann, hat es keinen Sinn mehr, von einem Recht auf private digitale Kommunikation zu reden. In dieser Feststellung schwingt Fatalismus mit. Doch die Alternative dazu ist nur jene blinde Wut, mit der die Maschinenstürmer einst Dreschmaschinen und mechanische Webstühle zerstörten, um die industrielle Revolution verhindern zu wollen.

Werden wir zynisch oder verzeihend? Beides ist möglich, doch eines ist klar: Die Gemeinschaft der Nackten und Fehlbaren muss lernen, wie Vergeben ohne Vergessen funktioniert. Tut sie es nicht, verewigt sie ihre eigene Dauererregung.

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