Treffen von Bush und Putin : „Halte deine Freunde eng – und deine Gegner enger“

Bush hofiert Putin mit einer Einladung in die Sommerfrische. Und beherzigt eine Mafia-Regel.

Christoph von Marschall[Washington]
Bush
Der US-Präsident George W. Bush (l) und der russische Staatspräsident Wladimir Putin auf dem G8-Gipfel. -Foto: dpa

Der Seafood-Imbiss „Clam Shack“ in Kennebunkport hat seine Speisekarte erstmals in seiner 39-jährigen Existenz ins Russische übersetzt. Russische Flaggen wehen über dem Küstenstädtchen im Bundesstaat Maine mit seinen vielen kleinen weiß gestrichenen Ferienhäusern. Auch der Sommersitz der Bushs ist kein Palast. Eine ungezwungene Freizeitatmosphäre, ohne Pomp und Zeremoniell, mit einer schon aus räumlichen Gründen begrenzten Teilnehmerzahl ist das Setting für Wladimir Putins Besuch bei den Bushs am Sonntag und Montag. Genau genommen gehört das Anwesen George H. W. Bush, dem Vater des jetzigen US-Präsidenten. Sohn George W. lädt erstmals einen Staatsgast dorthin ein.

Dieses Privileg ist eine Geste. Die Regierung Bush hat sich in den jüngsten Monaten außerordentlich geärgert über eine Reihe russischer Aktionen, die sie als gezielte Provokation oder als untolerierbar empfindet: vom Vorgehen gegen die Demokratiebewegung über die Erpressung von Nachbarstaaten in der Energiepolitik und die Ermordung politischer Gegner im Ausland bis zu einer feindlichen Propaganda wie einst im Kalten Krieg. Aber Bush hat offenbar beschlossen, dass neue Konfrontation nur schadet.

Er braucht Putin für eine friedliche Lösung des Atomstreits mit Iran durch gemeinsamen internationalen Druck. Auch die Zukunft des Kosovo klärt man besser einvernehmlich in den UN. Und es würde nur islamischen Terroristen nützen, wenn Amerika und Russland sich im Kampf gegen diese Gefahr gegenseitig behinderten, zum Beispiel durch Moskauer Druck auf zentralasiatische Staaten, den USA die Nutzung von Militärbasen für den Afghanistaneinsatz zu verweigern.

Also hofiert Bush Putin. Dessen feindliche Rede bei der Sicherheitskonferenz in München konterte der neue Verteidigungsminister Gates mit versöhnlichen Tönen und Humor. Bushs Regierung gibt zu, Putins Rhetorik sei aggressiver geworden, aber sie redet das herunter: Das sei der russischen Innenpolitik geschuldet, dem Ringen um die Nachfolgeregelung, wenn Putins Amtszeit 2008 endet. Die Kritik an der geplanten US-Raketenabwehr gegen Iran in Polen und Tschechien empfinden die USA als gezielte Lügen. Sie haben angeboten, die Radardaten zu teilen. Der russische Gegenvorschlag einer Raketenabwehr in Aserbaidschan wird in den USA als technisch unsinnig angesehen. Bush hat ihn dennoch nicht abgelehnt. Er verspricht „sorgfältig zu prüfen“ und sucht auch hier das Positive: Putin anerkenne, dass man so ein System gegen neue Gefahren brauche.

Die Charmeoffensive ist bemerkenswert, weil sie im Kontrast zu einer zunehmend russlandkritischen Berichterstattung der US-Medien steht. Sie werfen Putin vor, US-Interessen gezielt zu torpedieren, wie einst im Kalten Krieg. Den Gipfel in Kennebunkport kommentiert die „Washington Post“ mit dem Leitspruch des Mafiapaten von Corleone: „Halte deine Freunde eng um dich – aber deine Feinde noch enger.“ Für zwei Tage immerhin kann das gelingen.

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